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Von Mutter-Ally´s und der Erkenntnis weiß zu sein

Nach dem Mord an dem Schwarzen[1] US-Amerikaner George Floyd durch einen weißen Polizisten, startete eine weltweite Protestbewegung, ausgehend von der Black Lives Matter Bewegung in den USA. Die Bilder seines Mordes gingen um die Welt und auch in den Profilbildern und Stories von vielen Influencer*innen sind Anti-Rassismus Statements zu sehen. Und so kamen sie auch in den Insta-Feed meiner Tochter. Wir begannen ein intensives Gespräch über Rassismus und Polizeigewalt und sie stellte viele Fragen über Abkürzungen und wieso Menschen solche Dinge tun. Am Ende des Gesprächs sagte sie: „Mama, weißt du was ich nicht verstehe? Das hätte denen doch auch schon mal vorher auffallen können, dass es Rassismus gibt.“ Dieser kurze etwas flapsige Teenager-Satz hat mich berührt und beschäftigt. Wieviel Wahrheit in dieser Bemerkung steckt und ihre scharfe Beobachtung dieser Tatsache. Apropos kluge kindliche Beobachtung. Als sie 9 Jahre alt war sagte sie: „Also das diese komischen Leute bei der AfD das doof finden, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt, das können die ja finden, aber das die sagen es gibt nicht noch andere Geschlechter, das ist einfach dumm, weil es ja nicht stimmt.“ (Ja da schlägt mein feministisches Herz als ihre Mutter natürlich höher, aber dass nur so am Rande :-).

Wir haben dann darüber gesprochen, dass es sein kann, dass Leute die sonst eher Selfies mit ihren neuesten Schuhen und Autos posten, einfach auch ein Teil eines neuen Trends sein möchten. Aber das es trotzdem gut sein kann, wenn die Thematisierung von Rassismus und Gewalt durch weiße Polizist*innen gegen Schwarze und andere PoCs[2] so groß wird, weil es Sichtbarkeit und dafür Möglichkeiten für Veränderungen schafft. Es fiel aber noch ein zweiter Punkt auf. Die meisten dieser Influencer*innen waren weiß. Und das ist wahrscheinlich ein ausschlaggebender Punkt der scharfen Beobachtung meiner Tochter. Diese Personen haben Rassismus nie selbst erlebt. Und deshalb ist es ihnen wahrscheinlich vorher nicht ausreichend „aufgefallen“ um es in ihren Profilbildern und Stories zu thematisieren. Ich möchte damit ihr Engagement definitiv nicht schlecht reden. Sich darüber bewusst zu werden, weiß zu sein und sich mit Rassismus (auch dem eigenen) auseinanderzusetzen geschieht bei Menschen, die nicht zwangsweise damit konfrontiert sind, weil sie als Schwarze oder Person of Color in einer Gesellschaft aufwachsen in der weiß sein als Norm gilt, meistens nicht automatisch. Wenn nun auch viele junge weiße Menschen das erste Mal auf eine Demo gehen und auf ihren Insta-Kanälen über Rassismus sprechen, dann ist das ein guter Anfang. Noch wichtiger ist, dass viele junge BIPoCs am letzten Wochenende auf die Straße gegangen sind und Demonstrationen organisiert haben, bei denen sie ihre Wut und Trauer über eine rassistische Gesellschaft selbst artikulieren konnten und nicht nur über sie gesprochen wurde. Umso unerträglicher ist das Verhalten der Polizist*innen auf diesen Demonstrationen. Jugendliche People of Color, die zum Teil zum ersten Mal auf einer Demonstration waren, wurden in Hamburg von Polizist*innen stundenlang grundlos festgehalten, mussten lange Zeit gegen eine Wand gelehnt stehen, durften ihre Eltern nicht kontaktieren und wurden nach ihrer Verhaftung mitten in der Nacht freigelassen. Auf einer Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt[3].

Meine Tochter reagiert sonst eher abweisend auf diesen Politik-und-Feminismus-Kram mit dem ich ihr immer komme. Naja, sie ist halt ein Teenager und es ist ihr Job alles blöd zu finden, was ich gut finde, das ist okay. Nun hat sie das erste Mal gesagt, sie fände das wichtig und würde eigentlich auch gerne auf so eine Demo gehen. Das hat mich nicht nur berührt, weil ein Teil in mir dachte „Ja! Irgendwas ist vielleicht doch hängengeblieben von meinem Politik-Feminismus-Gelabber.“, sondern noch aus einem anderen Grund. Meiner Tochter ist sehr wohl schon vorher mal aufgefallen, dass es Rassismus gibt. Weil sie ihn selbst erlebt hat. Als sie kleiner war, gab es häufiger mal die Aussage, „Ach das ist ja ein süßes Kind, mit ihren Löckchen und den braunen Augen. Aber, sag mal, ganz deutsch ist sie nicht oder?“ Als ob das ein Widerspruch wäre. Und was zur Hölle soll bitte „ganz deutsch“ heißen? Als sie in die 5. Klasse kam, hat sie überall erzählt, dass ein Teil unserer Familie aus Frankreich käme, wenn Mitschüler*innen sie auf ihr „nicht-ganz-deutsches“ Aussehen angesprochen haben. Das tut sie bis heute. Sie hat intuitiv verstanden, dass es in dieser Gesellschaft „okay“ ist, wenn die Familie aus einem West-Europäischen Land kommt, wenn du oder ein Elternteil Schwarz bist oder aus einem Land wie Syrien oder Afghanistan kommen, die Gefahr des Ausgestoßen und Angefeindet-Werdens groß ist. Als sie mir davon erzählt hat, war ich tief bestürzt und wütend, wollte am liebsten mit ihrer Lehrerin darüber sprechen. Darauf sagte sie: “ Mama, auf keinen Fall! Du kennst meine Klasse nicht, weißt du was die mit mir machen, wenn die rausfinden das Papa aus Afghanistan kommt?“ Es tut mir so weh und ist nur schwer zu ertragen, dass sie schon so früh für sich entschieden hat, diesen Teil ihres Lebens unsichtbar zu machen. Aus Angst vor Rassismus. Ich habe mich dann schweren Herzens entschieden, ihren Wunsch zu respektieren. Auch wenn es mich unglaublich wütend und verzweifelt macht, ich weiß nicht, wie es sich anfühlt persönlich von Rassismus betroffen zu sein. Weil ich weiß bin. Ich habe andere Formen von Diskriminierung erlebt, aber diese Erfahrung teile ich nicht. Sie geht jeden Tag in diese Schule. Und wenn sie sich gerade für diesen Umgang entscheidet, muss ich das respektieren.

Ich versuche ihr ein guter Mutter-Ally zu sein. Ich stärke ihr den Rücken, höre ihr zu, mische regelmäßig die Elternabende auf und versuche über Rassismus in der Klasse zu sprechen unabhängig von ihr und widerspreche vehement Menschen, die sagen „Das Boot sei voll“. Ich versuche mich selbst zu informieren, über Kolonialismus und Alltagsrassismus. Trotzdem werde ich es nicht verhindern können, dass es Momente gibt, in denen auch ich mich rassistisch verhalte, auch wenn ich es nicht möchte. Weil es so unglaublich tief sitzt und die Sozialisation über Jahrhunderte gewirkt hat. Es strengt an, sich immer wieder zu reflektieren. Aber was ist meine Reflektions-Anstrengung gegen die Angst meiner Tochter und anderen BIPoCs davor Rassismus in all seinen verletzenden Formen selbst zu erleben? Rassismus verletzt, spaltet und tötet. Ich wünsche mir, dass meine Tochter keine Angst haben muss. Ich wünsche mir eine gewaltige Revolution von Schwarzen Menschen und People of Colour, dass ihre Stimmen weiter laut sind und gehört werden. Und das weiße Menschen ihnen den Rücken stärken, sich selbst reflektieren, ihre Privilegien den Trumps und Höckes vor die Füße werfen und sich weigern diese Form der White-Supremacy weiter zu leben. Die Erkenntnis weiß zu sein, ist hierfür der erste Schritt.


[1] Die Begriffe Schwarze und weiße Personen werden in diesem Text bewusst groß, bzw. klein und kursiv geschrieben. Gemeint ist hier nicht die Farbe der Haut oder biologische Eigenschaften sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten und hieraus folgende Diskriminierungen von Schwarzen Menschen und Privilegien weißer Menschen. Entnommen ist diese Erklärung der Seite: https://www.derbraunemob.de/faq/

[2] PoC meint Person of Color, BIPoC – Black, Indigenous an People of Color – People of Color ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrungen, die nicht als weiß oder westlich wahrgenommen werden und sich selbst auch nicht so definieren. Siehe: https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/people-of-color-poc/

[3] https://taz.de/Antirassimus-Demo-in-Hamburg/!5687842/