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Happy Mothers-Day! Von gefallenen Mädchen und idealisierter Mutterschaft.

Heute ist Muttertag. Der eine Tag im Jahr, an dem Mutterschaft so etwas wie Ehre erhält. Vermeintlich. Denn die Form von gesellschaftlich erwünschter Mutterschaft folgt klar umrissenen Normen und daran hat sich seit den 50er Jahren auch nur grob etwas geändert. Geändert hat sich, dass heute mehr Frauen einer Lohnarbeit nachgehen. Trotzdem ist sowohl der Gender Pay Gap, als auch der Gender Care Gap immer noch erschreckend hoch[1]. Besonders wenn es um Elternschaft geht, gibt es weitreichende Gesellschaftliche Ungleichheiten bezüglich des Geschlechts. Wenn ich einen Blick auf die Muttertags-Werbeanzeigen werfe, wird mehrheitlich ein bestimmtes und somit ehrbares Bild von Mutterschaft vermittelt. Es handelt sich um schlanke, weiße, in einer heterosexuellen Beziehung lebende Cis-Frauen[2] ohne Einschränkungen. Klar, wieso sollte Werbung nicht auch am Muttertag in die übliche Wirksamkeits-Kiste greifen.

Diese Darstellung konstruiert und spiegelt gleichzeitig ein bestimmtes Bild von ehrbarer Mutterschaft, das in westlichen Gesellschaften herumgeistert. Das ideale Bild sieht folgendermaßen aus:

Eine Frau bekommt zwischen 28-35 Jahren ihr erstes Kind. Nicht zu früh, sonst ist sie eine wahrscheinlich unfreiwillig schwanger gewordene Teenie-Mutter (obwohl unfreiwillig auch gleichzeitig unreif und faul heißt, hätte sie halt nicht vergessen die Pille zu nehmen), die für immer arm und irgendwie ausgestoßen sein wird. Aber auch nicht zu alt, das ist ja schon komisch, wenn die Mutter in der Kita für die Oma gehalten wird. Sie hat ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen, einige Jahre gearbeitet, einen Mann kennengelernt und diesen geheiratet. Beide haben einen Bausparvertrag abgeschlossen und sich nun ein Reihenhaus gekauft. Nun kommt zur Vollendung dieses Bildes das erste und vielleicht das zweite Kind. Die Mutter nimmt Elternzeit (der Vater auch, so für 4 Wochen, ist ja schon irgendwie süß von ihm) und danach arbeitet sie in Teilzeit, während die Kinder in der Kita sind. Sie hat keine Mittagspause, weil sie in der Zeit die Kinder von der Kita abholt, kocht, putzt, wäscht und die Kinder zum Schwimmen und Geige spielen fährt. Sport macht sie auch, der Körper sollte schon wieder gut aussehen nach der Geburt. Da sie ja „nur“ in Teilzeit arbeitet, bleibt die Care-Arbeit ihr Aufgabenbereich. Feierabend? Eher nicht. Und dann bekommt sie einmal im Jahr einen Blumenstrauß und Schokolade, weil sie sich so toll an die Regeln gehalten hat. Na vielen Dank.

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Ausnahmen gibt. Das es auch in heterosexuellen Beziehungen Väter gibt, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmern, die Schwierigkeiten damit haben in Elternzeit zu gehen, weil ihr Chef das irgendwie komisch und unpassend findet und denen auf dem Spielplatz abgesprochen wird, ihr Kind richtig wickeln zu können. Genauso möchte ich damit nicht sagen, dass es nicht viele unterschiedliche Familienkonstellationen gibt. Es gibt Trans*männer die Kinder gebären, Queere Familien, Freund*innen die zu zweit oder mit mehreren Menschen Kinder großziehen, Schwule und Lesbische Paare mit Kindern, Alleinerziehende Menschen, junge und alte Eltern-Personen.

Ich spreche von idealisierten Darstellungen und Normen, die sich hartnäckig halten und zusätzlich noch von vielen Zeitschriften, in der Werbung, in Serien und Filmen transportiert werden. Und das alle Menschen, die Kinder alleine oder gemeinsam großziehen und nicht diesen Normen entsprechen einem täglichen Kampf um Anerkennung oder Abstrafung ausgesetzt sind.

Einige Bilder halten sich trotz vermeintlichem Fortschritt und sexueller Befreiung, einer weiblichen Kanzlerin und ein paar mehr Frauen in Chefetagen hartnäckig. Sowie das Bild des „gefallenen Mädchens“.  

Der Sexualunterricht in den Schulen konzentriert sich nach wie vor darauf jungen Mädchen die Gefahr einer jungen Mutterschaft vor Augen zu führen, das Bild eines „gefallenen Mädchens“ als größte Abschreckung darzustellen. Gleichzeitig wird versäumt über sexuelle Selbstbestimmung, Lust und Selbstbefriedigung aufzuklären. Fernseh-Formate wie „Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen“, verfestigen seit etlichen Jahren das Bild von verarmten, unfähigen, verantwortungslosen jungen Müttern. Väter spielen dort nur am Rand eine Rolle, der Fokus der „Schuld“ liegt auf den Mädchen bzw. jungen Frauen.

Ich bin mit 19 Jahren Mutter geworden und jahrelang versucht diesem „bösen“ Klischee nicht zu entsprechen. Ich hatte immer das Gefühl, mich besonders beweisen zu müssen, dass ich „trotz“ meines Alters und meines Alleinerziehenden-Daseins, eine liebevolle Mutter sein kann. Ich bekam regelmäßig den Satz zu hören „Was? Da bist du aber jung Mutter geworden. Irgendwie krass wie du das geschafft hast. Für mich wäre das ja nix.“ Ich habe viele Jahre mit dem Versuch verbracht mich anzupassen und akzeptiert zu werden. Ich habe Blümchen-Blusen getragen, bin nicht müde geworden zu erklären, dass ich ja trotzdem eine Ausbildung gemacht habe, arbeite, meine Tochter reitet und Ballett tanzt, zur musikalischen Früherziehung geht und gesund ernährt wird. Als ich 24 Jahre alt war, sagte mir eine Kollegin die nur 3 Jahre älter war, „Du bist doch selbst noch ein Kind.“ Auf dem Spielplatz musste ich regelmäßig meine Lebensgeschichte erzählen und Dinge hören wie „Sag mal hast du denn nicht verhütet? Das war doch bestimmt nicht gewollt!“ Und da der Vater meiner Tochter nicht weiß ist, kamen noch Aussagen hinzu wie: „Süßes Kind, aber ganz deutsch ist die doch nicht oder?“. Diese Aussagen haben mich verletzt und beschämt. Und das war auch gewollt, denn es ist einfach sich selbst aufzuwerten indem man andere Menschen abwertet. Es hat dazu geführt das ich nach noch mehr Perfektion gestrebt habe, in der Erziehung meiner Tochter, meinem Job und dem Bild das ich versucht habe nach außen zu vermitteln. Vor lauter Anpassungsbemühen bin ich sehr krank geworden.

Irgendwann kam mir die Erkenntnis: Egal wie sehr ich es versuche, wie viele Einser-Abschlüsse oder Blümchen-Blusen ich habe, ich werde nie dazugehören. Einerseits eine ernüchternde Erkenntnis, andererseits auch das Erwachen ungeahnter Freiheit. Also habe ich aufgehört Blümchen-Blusen zu tragen und sie gegen schwarze T-Shirts getauscht, bin mit meiner Tochter in eine andere Stadt gezogen, habe meine Jobs gekündigt, ein Studium begonnen und mich mit Feminismus beschäftigt. Inzwischen leben wir in einer Familien-WG, feiern Weihnachten mit Partner*innen und Wahl-Familienmitgliedern und ohne Blümchen-Blusen. Heute bin ich wütend über einengende Normen, die Menschen in Schubladen stecken und erniedrigen. Über Bilder von Mutterschaft, die Ungleichheit produzieren und Abweichungen abstrafen.

Ich habe nichts gegen einen Mutter-Tag. Blumen und Schokolade zu verschenken ist erst einmal nichts Schlechtes. Solange aber Mutterschaft in unserer Gesellschaft nach wie vor mit einer so ausgeprägten Ungleichheit und hartnäckigen Rollenbildern behaftet ist, würde ich die Schokolade lieber gegen eine Revolution eintauschen.


[1] Vgl. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap

[2] Cis bedeutet, dass die Geschlechtsidentität einer Person dem Geschlecht entspricht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.