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Eine Lobby für die Leisen

Die Welt hat sich verändert. Nicht das vor der Pandemie alles geil war. Aber wenn man den Teilnehmer*innen der sogenannten Hygiene-Demos glaubt, befinde ich mich bereits in einer Diktatur und muss dauerhaft einen Maulkorb tragen, im konkreten wie auch im übertragenen Sinne. Außerdem wird demnächst eine Armee von Eliten herumfahren, mir auf der Straße eine Zwangsimpfung inklusive Chip in den Hintern drücken und danach feiern sie ihre ewige Jugend, indem sie das Blut von durch UNICEF vermittelte Kindern in ihren geheimen Luxus-Bunkern trinken. Gott sei Dank gibt es tausende Freiheitskämpfer*innen die diese Wahrheit erkannt haben und in Berlin mal so richtig Stunk machen. Unter denen gibt es auch keine Nazis, naja ein paar Reichsflaggen… Aber es sind ja alle Menschen und das ist auch mega intolerant, wenn man die ausschließt. All lives matter und so.

Ich möchte den Menschen nicht ihre Ängste und Sorgen absprechen. Demokratische Prozesse und Gesellschaften leben bekanntlich von Streit zwischen Gruppierungen und Parteien mit unterschiedlichen Positionen, Debatten und Auseinandersetzungen. Aber wenn eine Gruppe anderen Menschen ihre Meinung absprechen, ihre Art zu leben, ihre Sexualität, ihr Recht auf Unversehrtheit, behaupten es herrsche eine Diktatur obwohl sie sich selbst eine wünschen in der nur ihre Meinung und Weltanschauung Platz hat, ist das kein demokratischer Prozess.

Die Pandemie und die Corona Beschränkungen haben weltweit den Alltag vieler Menschen verändert, Ungleichheiten verstärkt und Existenzen zerstört. Es hat dazu geführt, dass Grenzen geschlossen wurden und unglaubliches Unrecht und Leid der Menschen beispielsweise auf den griechischen Inseln ins Unermessliche steigt. Aber COVID-19 ist keine Erfindung irgendwelcher Eliten, um Gesellschaften zu unterdrücken und Bürger*innen Chips zu implantieren.

Wenn Verschwörungstheoretiker*innen auf Demos von Maulkörben, Zwangsimpfungen und Diktaturen fantasieren und sich einen Kaiser zurückwünschen, sind sie damit unglaublich laut und medienwirksam. Sie sind auf allen Titel Seiten, es wird in Talk-Shows darüber diskutiert und die sozialen Medien sind voll von Ihnen und ihren Schrei-Parolen. Margarete Stokowski hat neulich einen Artikel „für die Traurigen und die Müden“ in der Pandemie geschrieben. Menschen die ihren Alltag nach über einem halben Jahr Corona-Welt nicht oder nur schwer schaffen. Menschen die traurig sind, müde und ängstlich, die keine laute schreiende Lobby haben.

Ich empfinde es nicht als Maulkorb, wenn ich beim Einkaufen eine Maske tragen soll. Ja es nervt und wenn man zu Atemnot durch Panikattacken neigt, ist die nicht besonders hilfreich. Aber fuck, es ist ein Stück Stoff in meinem Gesicht für eine sehr überschaubare Zeit. Und nein, ich habe auch nicht das Gefühl in einer Diktatur zu leben, in der ich nicht sagen kann was ich denke. Ich schreibe immerhin gerade diesen Artikel und die Leute auf den Anti-Corona Demos widerlegen ja nun auch durch ihre Dasein und ihre mediale Präsenz das Gegenteil. Aber ich bin müde, ich bin erschöpft und ich mache mir Sorgen. Es macht mir Sorgen, wenn Gruppen von Menschen wirklich der Überzeugung sind, wir würden uns in einer Diktatur befinden und die AfD wäre eine freiheitliche Alternative. Es macht mir Angst, wenn Nazis ihre menschenverachtenden Parolen beinahe unwidersprochen auf „bürgerlich“-verstandenen Demos, im Bundestag und im Netz verbreiten können. Das sich die Gesellschaft, in der ich lebe an rechte Positionen zu gewöhnen scheint. Das immer mehr Staaten in der EU nach rechts rücken. Das die EU sich weigert für die Menschen im Lager Moria Verantwortung zu übernehmen. Das ein Rassist vorhat in den USA einen Bürgerkrieg anzuzetteln, weil sein Ego es nicht erträgt, wenn er nicht gewählt wird.

Ich bin erschöpft, weil ich über viele Monate versucht habe meine Uni-Leistungen zu erbringen und gleichzeitig mein Kind Zuhause zu beschulen, zu beruhigen, zu bekochen und ihr die sozialen Kontakte zu ersetzen. Weil mein mental-load die 100 weit überschritten hat. Eine gute Freundin, Partnerin und Tochter zu sein. Meine Mutter zu beruhigen und mein Wissen zu teilen, als es hieß Nazis wollen den Bundestag stürmen. Mich politisch auszudrücken und zu schreiben, weil es das ist was ich immer am Allermeisten tun wollte.

Ich bin müde, weil ich trotz einer Depression versuche weiter zu machen. Nachsichtig mit mir zu sein, wenn ich nicht all meine hochgesteckten Ziele erreiche oder andere Wege zu finden, um sie zu erreichen. Ich habe Angst, dass Menschen die mir nah stehen und zur Risiko-Gruppe gehören an Corona erkranken. Es ist bedrückend und legt sich wie ein dunkler Schleier über die nächsten Monate und das nächste Jahr, dass niemand sagen kann, wie es mit dieser Pandemie weitergeht. Mir fehlt so sehr meine feministische, queere Community. Mir fehlen Ladiyfeste und politische Räume. Es kostet Kraft Kontakte herzustellen und andere Wege der Vernetzung zu schaffen. Mir fehlt die Leichtigkeit, Konzerte und Festivals. Und Scheisse, wie gerne würde ich mal wieder tanzen!

Ich sehe um mich herum Menschen die traurig sind, die erschöpft sind, die Care-Arbeit leisten, sich um andere kümmern, die mit psychischen Erkrankungen struggeln, für die eine Ansteckung eine echte Gefahr darstellt und die resigniert sind. Das es noch lange so weiter geht. Die gerade nicht wissen, wie sie sich finanzieren sollen und wann es besser wird. Denen die Ausstülpungen der Hygiene-Demo-People mehr Atemnot macht als das Tragen einer Maske.

Diese Menschen haben keine laute Schrei-Lobby. Aber sie sind auch Teil dieser Gesellschaft, sie sind nur leiser. Sie machen sich sinnvolle, differenzierte Gedanken und es wäre wertvoll inne zu halten und ihnen zuzuhören.