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Von Basilikum-Töpfen und Solidarität

Im Zuge der Maßnahmen zu Eindämmung des COVID-19 Virus rufen Politiker*innen aus den unterschiedlichen Parteien und Führungsebenen in Deutschland dazu auf: Solidarität. Die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, der deutsche Ethikrat, das Goettinger Tageblatt und selbst die Bildzeitung titelt: „Corona als Moralprobe – Darum müssen wir jetzt solidarisch sein.“ Natürlich fettgedruckt und mit einer Klopapier-beladenen Person im Header-Bild.   

Es wird dazu aufgerufen Solidarität zu zeigen mit alten Menschen, Risikopatient*innen und mit allen Menschen die Klopapier benötigen. Daran ist erst mal nichts verkehrt. Solidarität mit anderen Menschen zu fordern in einer stark individualisierten, neoliberalen Gesellschaft ist sicherlich schon eine Herausforderung.

Um Solidarität mit Pflegepersonal, Ärzt*innen und Verkäufer*innen zu zeigen, werden Balkon-Klatsch-Aktionen organisiert. Als ich von diesen Klatsch-Aktionen las, kamen mir die Bahnhof-Klatsch-Aktionen von 2015 in den Sinn, bei denen Geflüchtete an Bahnhöfen durch Reihen von klatschenden Bürger*innen begrüßt wurden um ihnen zu zeigen das sie in Deutschland willkommen seien. Daraus erwuchs das Wort „Willkommenskultur“ in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ von 2015.

Im Zusammenhang der darauffolgenden Entwicklungen, musste ich an Basilikum denken. Wenn ich einkaufen gehe, lasse ich mich regelmäßig von prall-duftenden Basilikum-Töpfen verführen. Sie sehen so saftig aus und leuchten knall-grün über den Tomatenkisten. Es entzückt mich, wie toll sich dieser prächtige Basilikum-Topf zwischen dem Olivenöl und der Küchenrolle in meine Küchenlandschaft einfügt. Und jedes Mal bin ich enttäuscht, wenn er nach einer Woche eingegangen ist. Meine Freundin schimpft immer ein bisschen über diese Impulskäufe, mit dem Hinweis, ich solle doch lieber selbst Basilikum aussähen. Das sei viel nachhaltiger, die Supermarkttöpfe im Gewächshaus schnell hochgezüchtet, um kurz prall und saftig auszusehen, damit Menschen sie kaufen.

Vielleicht hat sie Recht. Vielleicht wäre es gut, mein Bedürfnis nach einem schnellen Kauf mit einem sichtbaren, sofortigen, aber sehr kurzlebigen Ergebnis zu überdenken. Klar, es kostet Zeit und Mühe selbst zu sähen, zu gießen, zu düngen und man braucht Geduld. Und dass meine Pflanze keine Blattläuse bekommt, kann sie mir auch nicht versprechen. Aber die Pflänzchen haben mehr Platz zum Wachsen und durch Zeit und Pflege bleiben sie robuster und leben deutlich länger als mein Gewächshaus-Topf.

Wenn Videos von klatschenden Menschen auf Balkonen oder Bahnhöfen viral gehen, ist das wie mit meinem Basilikum-Topf. Eine schillernde, aber sehr kurzlebige Aktion. Um dies nicht misszuverstehen: Klatschen kann ein Anfang sein, um Sichtbarkeit für prekäre Arbeits- und Lebenssituationen zu schaffen. Klatschen ist besser als Hetze. Aber wenn die Sichtbarkeit nach der Klatsch-Aktion auf dem Kompost landet ist das Ganze wenig hilfreich. Wenn auf eine Zeit der „Willkommenskultur“ der Aufstieg einer rechten Partei folgt, bekommt das Ganze einen sehr bitteren Geschmack.

Auf die prekäre Arbeitssituation von Pflegepersonal und Verkäufer*innen aufmerksam zu machen ist ein erster und notwendiger Schritt. Aber es ist nötig Mühe und Geduld aufzubringen. Sich nachhaltig für bessere Arbeitsbedingungen, eine wertschätzende Bezahlung und gegen eine Privatisierung des Gesundheitssystems einzusetzen. Die Arbeitssituation der Menschen in diesen aktuell als systemrelevant erkannten Berufen auch nach Corona nicht zu vergessen. Denn sonst wird das Klatschen vom Balkon zu einer hohlen, zynischen Handlung.

Es gibt bereits Forderungen für nachhaltige Veränderungen, besonders im Care-Bereich, auch über die Corona-Krise hinaus. In ihrer feministischen Analyse zur Corona-Krise fordert Dominique Just zur Bewältigung der Corona-Krise und für eine geschlechtergerechte Post-Corona-Welt eine umfassende Care-Revolution. Durch eine grundlegende Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie bessere Elternzeitregelungen, rechtliche Sicherheit für alternative Familienmodelle und Einkommensgleichheit. Sie betont die Notwendigkeit einer radikalen Verbesserung der Arbeitsbedingungen für bezahlte Care-Arbeitende, ein bedingungsloses Grundeinkommen über die Corona-Krise hinaus und eine Ökonomie der (Vor-)Sorge, in der die Bedürfnisse von Menschen im Zentrum stehen.

Wenn nun der Bundespräsident oder die Kanzlerin zu Solidarität aufruft, was ist damit eigentlich gemeint?   

Die Sozialwissenschaften unterscheiden den Begriff der Solidarität grob in universalistische und partikularistische Ansätze. Universalistische Ansätze betonen eine Form der globalen Solidarität, also ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein gegenseitiges füreinander Einstehen aufgrund des geteilten Menschseins. Partikularistische Ansätze betonen hingegen die Exklusivität der Solidarität gegenüber Menschen mit denen wir spezifische Gemeinsamkeiten haben, mit denen wir eine Geschichte, Überzeugungen und Interessen teilen. Exklusivität bedeutet hier, dass wir diese Solidarität nur Gruppen gegenüber empfinden die uns ähnlich sind und nicht gegenüber den Gruppen von Menschen die wir als „anders“ bezeichnen. Also praktisch eine Abgrenzung in „Wir“ und „Die Anderen“. Vertreter*innen dieser partikularistischen Ansätze kritisieren, dass bei universalistischen Ansätzen die sich „nur“ auf das geteilte Menschsein beziehen die Motivation fehle, Menschen überfordert wären und Hilfsbereitschaft hierdurch abgeschwächt wird.

Wenn nun von Politiker*innen zu Solidarität aufgerufen wird, in sozialen Medien von „unseren Helden in Weiß“ gesprochen wird, beziehen sich diese Aussagen auf ein partikularistisches Verständnis von Solidarität. Solidarität innerhalb einer Nation, eines Wirtschafts- und Gesundheitssystems, höchstens noch auf EU-Ebene. Dieses Berufen auf ein „Wir“, auf unser Pflegepersonal und unsere Krankenhäuser mag dabei helfen, Menschen dazu zu animieren sich an die Regeln zu halten. Für ein höheres Ziel, die Rettung unserer Gesellschaft, sind Menschen durch diese Form der Identifikation bereit sich einzuschränken. Nur hat diese Bezeichnung als ein „Wir“ auch eine prekäre Schattenseite. Die automatische Abgrenzung zu den „Anderen“.

Und diese „Anderen“ sitzen gerade auf Lesbos, an der türkisch-griechischen Grenze bzw. inzwischen in Abschiebelagern im Landesinneren der Türkei. Sie leben dort in unmenschlichen Zuständen, es gibt keine Möglichkeit Abstand zu halten, keine nennenswerte medizinische Versorgung, sie sind Hunger und Kälte ausgeliefert, hier bekommt die Einschränkung der Bewegungsfreiheit eine ganz andere Dimension. Durch die Corona-Krise ist Deutschland und Europa so sehr mit dem „Wir“ beschäftigt, dass Solidarität mit diese „Anderen“ keinen Raum mehr findet.

Wenn es laut dieser Kritik an einem universalistischen Solidaritätsverständnis nicht ausreicht Solidarität aufgrund des Menschseins zu zeigen, ist es vielleicht nötig sich auf die Suche nach Ähnlichkeiten zu begeben, um Mitgefühl und aktives Handeln anzustoßen. Sich bewusst zu machen, dass diese Menschen ebenfalls Kinder haben, Großeltern, Liebesbeziehungen. „Wir“ teilen mit ihnen das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Zukunftsperspektiven, nach Lebensfreude und Anerkennung. Solidarität sollte sich nicht nur auf das vermeintliche „Wir“ in Form einer Nation beschränken. Wir leben nun mal in einer globalisierten Welt. Deutschland profitiert in einem besonderen Maße davon und dies bringt Verantwortung mit sich. Wir brauchen sowohl eine globale Form der Solidarität als auch eine nachhaltige. Das Klatschen für Pflegepersonal, Verkäufer*innen und alle anderen bezahlten und unbezahlten Care-Arbeitenden darf nicht einfach verhallen. Darauf folgen muss eine gesellschaftliche Diskussion über die Veränderung prekärer Arbeitsverhältnisse, eine angemessene Entlohnung und Verteilung von Care-Arbeit, sowie Verantwortung und Solidarität mit Geflüchteten.

(K)eine Zeit für Demokratie?

Als die ersten #staythefuckhome in meinen Newsfeed flatterten, wurde ich doch aufmerksam, denn sie kamen von Menschen aus meiner links-feministischen Freund*innen-Bubble. Bilder von verzweifelten Menschen an der griechisch-türkischen Grenze, verschwanden plötzlich unter Posts mit der Aufforderung strikten staatlichen Anweisungen zu folgen. Aus Gründen.

Um dies gleich auszubremsen: Vernunft und Solidarität gegenüber Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören sind unabdingbar. Es geht weder darum Verschwörungstheorien über Bill Gates Ego-Bestätigung oder abstruse Reichsbürger*innen-Fantasien zu befeuern noch darum eine kapitalistische Egoismus-Kultur zu stützen und zu Corona-Partys aufzurufen.

Es geht um Differenzierung. Um das Gegenteil von Einfach. Verständlicherweise ist das Bedürfnis nach einfachen, klaren Anweisungen in Krisen-Situationen besonders hoch, besonders wenn Dinge sich schnell entwickeln und die Konsequenzen hoch erscheinen, wenn nicht schnellstmöglich gehandelt wird. Begrüßt und gefordert wird ein schnelles, hartes Durchgreifen des Staates. Armin Laschet sagte dazu „Es geht um Leben und Tod – so einfach ist das.“ Ist es so einfach?

In den letzten Wochen wurden sowohl die europäischen als auch viele nationale Grenzen geschlossen, Versammlungen und Demonstrationen verboten, die Religionsausübung in Moscheen, Synagogen und Kirchen untersagt, die persönliche Bewegungsfreiheit wurde extrem eingeschränkt, Restaurants, Geschäfte und Kinos sind geschlossen. Vor der Schließung der Restaurants, wurden bei einem Besuch die persönlichen Daten aller Kund*innen aufgenommen um bei einem Infektionsfall alle Wege nachvollziehen zu können. Die Telekom stellt dem Robert-Koch Institut die Bewegungsdaten ihrer Kund*innen zur Verfügung. Unter einem Phoenix Post zu der Herausgabe dieser Daten, äußerte sich ein Facebook Nutzer besorgt über diesen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Daraufhin belehrte ihn eine andere Nutzerin: „Finde, es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sich über die Rettung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Gedanken zu machen. Wir müssen jetzt erstmal schauen, dass wir die Schwächeren vor den Unvernünftigen geschützt kriegen.“

Ist jetzt keine Zeit für Demokratie? Doch! Genau jetzt ist es unglaublich wichtig über eine freiheitlich-demokratische Grundordnung zu sprechen. Gerade jetzt ist ein gesellschaftlicher Diskurs über diese massiven Beschränkungen der Grundrechte von großer Wichtigkeit. Warum sprechen Linke in einem Tenor mit Markus Söder? Ist es die Angst vor den „Unvernünftigen“? Die Angst, dass sobald es kritische Äußerungen gibt, Menschen verunsichert werden könnten und sich nicht mehr an die Auflagen halten? Falls dies der Grund ist, darf es keiner sein. Die Angst Bürger*innen könnten sich durch einen kritischen Diskurs nicht mehr an die Regeln halten und deshalb zu schweigen, hat noch nie in eine gute Richtung geführt.

Die Angst vor dem Virus, vor der Kapitulation des Gesundheitssystems und der Bedrohung von Risikopatient*innen ist real. Und hinter dem Wort Risikopatient*innen stecken Menschen, Familienmitglieder, Freund*innen. Angst führt bekannterweise zu einem großen Bedürfnis nach Sicherheit. Aber größtmögliche Sicherheit wird die Angst nicht auflösen. Und Sicherheit steht immer in einem Spannungsverhältnis zu Freiheit. Es ist wichtig darüber zu sprechen und nicht aus Angst zu schweigen oder zu hoffen das staatliche Restriktionen das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigen.

Ein vermeintlich so einfaches #staythefuckhome blendet aus, dass dies nicht für alle Menschen so einfach ist. Es ist nicht einfach für Menschen, die in beengten Wohnungssituationen leben. In prekären oder gewalttätigen Beziehungen. Für wohnungslose Menschen. Für Menschen, die am Ende des Monats nicht genügend Geld zur Verfügung haben, um sich einen Monatsvorrat Lebensmittel und Klopapier in den Keller zu stopfen. Menschen mit psychischen Erkrankungen. Für Menschen die keinen Keller und kein Einfamilienhaus haben. Für all die Menschen die zusammen mit 15 weiteren bei Kälte in einem Zelt auf Lesbos schlafen. Die Angriffen und Anfeindungen von Rechtsradikalen ausgeliefert sind. Die nicht in einer warmen Wohnung mit Netflix Anschluss, kostenlosen Yoga-Apps und einer vollen Vorratskammer sitzen. Wo sich ein Corona Fall innerhalb von kürzester Zeit zu einer humanen Katastrophe auswachsen würde. Diese Menschen können nicht the fuck Zuhause bleiben. Weil sie keins haben.

Besonders in Zeiten in denen Grundrechte eingeschränkt werden und die vorherigen Möglichkeiten Protest zu äußern nicht möglich sind, ist es wichtig darüber zu sprechen und sich nicht von Angst erdrücken zu lassen. Wir können uns einschränken, darauf verzichten auf Konzerte oder ins Kino zu gehen, um die Ausbreitung einzuschränken. Niemals einschränken sollten wir das Recht auf Asyl und Unversehrtheit.

Und niemals Ausschalten sollten wir unseren Verstand und unser Mitgefühl. Gerade in Zeiten von kollektiver Angst ist dies fundamental, um anschließend nicht in einer noch unmenschlicheren Welt zu leben, als es vorher schon der Fall war.