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Selbsternannte Moral-Sheriffs und besorgte Bürger*innen

Seitdem es die ersten Fälle von COVID-19 in Deutschland gab, ist das Bedürfnis nach Sicherheit und staatlichen Restriktionen zur Regelung der Situation groß. Eine Forsa Umfrage vom 30. März 2020 ergab, dass 88 % der Befragten mit den Ausgangsbeschränkungen einverstanden sind, mehr als die Hälfte der befragten Personen wünschten sich schärfere Beschränkungen. Und gleichzeitig lässt sich ein weiteres Phänomen beobachten. Das bundesweite Aufploppen der selbsternannten Moral-Sheriffs.

Sobald es einen Post zum Thema Klopapier, Ausgangssperren oder über den Tag einer Supermarkt-Verkäufer*in gibt, sind sie zur Stelle. Sie ergießen sich in den Kommentarspalten darüber, wie außerordentlich korrekt sie sich an die Regeln halten und beschreiben bis ins Detail wie dies von statten geht. Es gibt Zentimeter Angaben über den Abstand den ihre Kinder zu anderen Passant*innen gehalten haben und einen minutiösen Bericht über die Zeit die sie sich an der frischen Luft aufgehalten haben. Genauso intensiv wird sich auch mit dem Verhalten anderer Menschen auseinandergesetzt.

Sie regen sich furchtbar über die ganzen bösen Klopapier-Sünder*innen auf, erheben Ärzt*innen zu „unsere Helden in weiß“, steigern sich in Gewaltfantasien gegenüber verantwortungslosen Gruppen von jungen Menschen die Coronas Partys feiern hinein und suhlen sich in ihren Autoritätsfantasien. Es wird von Polizei-Einsätzen zur Auflösung von Garagen-Feiern berichtet, nachdem besorgte Bürger*innen diese gemeldet hatten. Der wachsame Nachbar bekommt hier wieder Hochkonjunktur.

Vor ein paar Tagen gab es einen KN-Artikel über Polizei-Patrouillen, die „schwerpunktmäßig“ am Kieler Hauptbahnhof, sowie in den Stadtteilen Gaarden und Mettenhof stattfinden sollten. Die implizite Unterstellung, Menschen in diesen Stadtteilen müssten besonders kontrolliert werden ist schon mehr als fragwürdig. In den Kommentaren reihten sich allerdings Forderungen aneinander, wo die Polizei doch auch mal dringend vorbeischauen sollte. Eine Facebook-Nutzerin schrieb: „Bitte auch an den Stränden!“ Sie habe dort beobachtet, wie sich zwei junge Mütter mit ihren Kindern auf dem Parkplatz zum Spazieren gehen getroffen hätten und dort eine Fünf-köpfige Familie über drei Generationen unterwegs war. Keiner der Personen hätte den Mindestabstand zueinander eingehalten.

Eine Freundin meiner Schwester ist mit ihrem Freund schon nach Bekanntwerden von ersten Corona-Fällen in das Ferienhaus von Freunden gefahren, um ihn vor einer Ansteckung zu schützen. Ihr Freund hat eine Immun-Erkrankung und gehört somit zur Risiko-Gruppe. Als die Einreise-Beschränkungen nach Schleswig-Holstein wirksam wurden, bekamen sie den Hinweis von einem Bauern, Einwohner*innen hätten das Ordnungsamt informiert, da vor dem Haus ein Auto mit einem fremden Kennzeichen stünde. Sie sollten doch lieber schnell verschwinden. In einer Nacht-und-Nebel Aktion haben sie dies dann auch getan, da sie Angst hatten eine hohe Strafe zahlen zu müssen.

In einigen Orten in Schleswig-Holstein bekommen Autos mit „ortsfremden“ Kennzeichen Hass-Zettelchen unter die Scheibenwischer gesteckt mit Texten wie „Verlassen Sie den Strand und kehren Sie an Ihren gemeldeten Wohnsitz zurück! Sie sind hier unerwünscht!“ Unabhängig davon, dass dies zum Teil faktischer Quatsch ist, da Menschen inzwischen ihr Kennzeichen behalten können, wenn sie umziehen, dreht sich mir noch aus einem anderen Grund der Magen um, wenn ich solche Zettel lese. Wenn schon Menschen die aus einem anderen Bundesland Hass-Zettelchen zugesteckt werden, diese als die „Anderen“ empfunden werden die in „unserem“ Bundesland nichts zu suchen haben, was passiert dann mit Menschen die als vermeintlich noch „fremder“ wahrgenommen werden?  

Sich selbst als moralisch einwandfrei zu erheben indem man sich von Klopapier-Sündiger*innen abgrenzt, das verwerfliche Verhalten anderer zu dokumentieren und mit hämischen Ausführungen von Autoritäts-Fantasien um sich zu werfen ist eine Möglichkeit mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Es gibt aber auch Alternativen um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erlangen und mit Hilflosigkeit umzugehen. Verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Risikogruppen, indem man auf Corona-Partys verzichtet, Kontakte einschränkt und dem Drang noch eine Packung Klopapier zu kaufen zu widerstehen. Mitgefühl zu zeigen, gegenüber Menschen die nicht so einfach zuhause bleiben können. Sich für die Aufnahme der Geflüchteten auf den griechischen Inseln einzusetzen. Sich auch nach der Corona-Krise für bessere Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal und Verkäufer*innen einzusetzen. Vorschnelle Verurteilungen von Verhaltensweisen zu hinterfragen. Aufmerksam zu sein in Situationen die wirklich scheisse sind. Den Mund aufzumachen, wenn eine Kollegin mal wieder einen sexistischen Spruch abbekommt. Wenn eine Person gefragt wird „wo sie denn wirklich herkommt“. Wenn eine Trans-Frau auf der Straße angepöbelt wird oder beim Familienfest darüber sinniert wird, Deutschland können ja nun wirklich nicht noch mehr Geflüchtete aufnehmen. In solchen Situationen nicht wegzuschauen gibt auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ohne bitteren Beigeschmack. Es kann nachhaltig zu einer offeneren, mitfühlenden Gesellschaft führen. Und es hilft gegen Wut-Magengeschwüre.