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Mit dem Bollerwagen auf dem Weg zum Backlash

Ich bin wütend. Draußen scheint die Sonne und ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe an zwei Konzeptpapieren, weil ich die Abgabe dringend schaffen muss. Ich bin müde und mein Rücken tut mir weh, weil ich gestern Abend bis 22.30 noch die Spülmaschine eingeräumt und die Küche geputzt habe. Ich bin wütend, weil für mich heute kein freier „Kumpel-Sauf-Tag“ ist. Weil es seit der Corona Pandemie kaum noch freie Tage für mich gibt.

Heute ist sogenannter Vater- bzw. Herrentag. Dieser wunderbare eine Tag im Jahr, wo Männer noch so richtige „Männer“ sein dürfen. Wo Gruppen von (Cis-)Typen grölend mit Bollerwagen voller Bier und lauter Mucke durch die Straßen ziehen, in Beete kotzen, Frauen und Queers angepöbelt, sexistisch beleidigt und belästigt werden. Der Tag an dem sich viele meiner Freund*innen lieber Zuhause verkriechen und besonders in den Abendstunden die Sauf-Hotspots meiden. Also eigentlich jede Form von Öffentlichkeit.

Ja, es gelten nach wie vor Restriktionen aufgrund der COVID-19 Pandemie und das könnte ein bisschen Hoffnung geben, dass die Eskalationen dieses Jahr nicht ganz so extrem sind. Wenigstens ein kleiner positiver Nebeneffekt. Apropos Nebeneffekt. Durch die Corona-Krise haben sich ganz neue Dimensionen von Care-Arbeit aufgetan, Kinder müssen nun Zuhause beschult, bekocht und seelisch versorgt werden. Ihnen fehlen ihre Freund*innen, es entstehen Ängste und Langeweile, Sport und Freizeitbeschäftigungen sind plötzlich weggefallen. Die Haushalts-Arbeit hat sich deutlich erhöht, da immer Alle Zuhause sind. Und „nebenbei“ müssen viele Menschen noch ihrer Lohnarbeit nachgehen. Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass es überwiegend Frauen sind, die diese zusätzliche Fürsorgearbeit übernehmen, Alleinerziehende sind dementsprechend besonders belastet. Aber auch in heterosexuellen Paarbeziehungen zeichnet sich ein Prozess der Re-Traditionalisierung seit der Corona-Krise ab. Frauen haben beispielsweise deutlich häufiger als Männer ihre Arbeitszeit reduziert, um sich während der Schul- und Kitaschließungen um die Kinder kümmern zu können. Da es höchstwahrscheinlich längerfristige wirtschaftliche Auswirkungen durch die Corona-Pandemie geben wird, ist nicht klar ob sich die Arbeitszeiten anschließend wieder erhöhen lassen, was die Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern verstärken würde.

Vor diesem Hintergrund: Was für eine bittere Ironie, dass trotz dieser immensen Mehrfachbelastung von Müttern, heute der Bollerwagen-Sauf-Vatertag gefeiert wird?

Nun könnte man sagen, ach was, das ist doch nicht sexistisch, lass doch den Männern ihren Spaß und überhaupt es gibt ja auch einen Muttertag. Korrekt. Nur das die Mutter an diesem Tag ein paar Blumen und Schokolade bekommt und der Tag traditionell im Privaten stattfindet. Der Muttertag wird zuhause mit den Kindern verbracht und die Mutter bekommt im Besten Fall ein Frühstück ans Bett, im schlechtesten Fall darf sie danach die Küche aufräumen. Ein märchenhaftes Abbild stereotyper Geschlechterrollen.

Wenn man unsicher ist, ob eine Situation oder Handlung sexistisch ist, hilft es diese einfach mal umzudrehen. Wirkt dieselbe Situation absurd, lächerlich oder undenkbar, ist dies ein starker Sexismus-Indikator. Ein veranschaulichendes Beispiel hierfür ist der Kurzfilm Majorité Oppremée von Eleonore Pourriat. Dieser Umkehrtest ist übrigens auch auf alle anderen Diskriminierungsformen wie bspw. Rassismus, Homo- oder Trans*feindlichkeit anzuwenden.

Machen wir also ein kleines Gedankenexperiment. Stellt euch vor es ist Muttertag und überall begegnen euch betrunkene Frauen, die mit schlackernden nackten Brüsten laut grölend durch die Straßen ziehen. Sie haben Bollerwagen voller Bier und Grillfleisch dabei und aus einer Box dröhnen Songs, in denen es darum geht, Männer zu erniedrigen und un-einvernehmlichen Sex mit ihnen zu haben.  Die Sonne scheint und alle haben Spaß. Während die eine in ein Blumenbeet kotzt, rufen die anderen einem vorbeigehenden Mann in kurzen Hosen „geiler Arsch!“ hinterher und als er nicht reagiert, wird er von ihnen beleidigt und als prüde bezeichnet. Am Abend treffen sich einige Frauengruppen im Stadtpark, wo es durch einen beträchtlichen Alkoholpegel und einige Sonnenstiche zu einer Massenschlägerei kommt. Während die Frauen sich den ganzen Tag volllaufen lassen und die Innenstädte unsicher machen, kümmern sich die Väter Zuhause um die Kinder, kochen, putzen die Wohnung und dürfen zur Belohnung am späten Abend ihre alkoholisierten, stinkenden Frauen in Empfang nehmen. Irgendwie unrealistisch?

Vor Corona war bestimmt nicht alles rosig. Aber es darf nicht sein, dass wir nun einen gewaltigen Backlash erleben und sich Ungleichheiten noch mehr verstärken. Es ist gerade besonders schwierig, die Zeit zu finden sich mit dieser Ungleichheit auseinanderzusetzen. Wer sowieso schon müde und erschöpft ist, hat kaum die Kraft und die Zeit sich zu organisieren. Die Isolation und der fehlende Austausch tut sein Übriges. Ich habe diesen Text letzte Nacht fertig geschrieben, weil mir vorher einfach die Zeit fehlte. Aber die Wut über diese Ungerechtigkeiten hat mich wachgehalten. Ich wünsche mir, dass viele wütende Frauen, Queers und Mütter mit virtuellen Bollerwagen durch das Internet ziehen, sich vernetzen, bestärken und sich weigern diese Rollenbilder zu akzeptieren.