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Mit dem Bollerwagen auf dem Weg zum Backlash

Ich bin wütend. Draußen scheint die Sonne und ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe an zwei Konzeptpapieren, weil ich die Abgabe dringend schaffen muss. Ich bin müde und mein Rücken tut mir weh, weil ich gestern Abend bis 22.30 noch die Spülmaschine eingeräumt und die Küche geputzt habe. Ich bin wütend, weil für mich heute kein freier „Kumpel-Sauf-Tag“ ist. Weil es seit der Corona Pandemie kaum noch freie Tage für mich gibt.

Heute ist sogenannter Vater- bzw. Herrentag. Dieser wunderbare eine Tag im Jahr, wo Männer noch so richtige „Männer“ sein dürfen. Wo Gruppen von (Cis-)Typen grölend mit Bollerwagen voller Bier und lauter Mucke durch die Straßen ziehen, in Beete kotzen, Frauen und Queers angepöbelt, sexistisch beleidigt und belästigt werden. Der Tag an dem sich viele meiner Freund*innen lieber Zuhause verkriechen und besonders in den Abendstunden die Sauf-Hotspots meiden. Also eigentlich jede Form von Öffentlichkeit.

Ja, es gelten nach wie vor Restriktionen aufgrund der COVID-19 Pandemie und das könnte ein bisschen Hoffnung geben, dass die Eskalationen dieses Jahr nicht ganz so extrem sind. Wenigstens ein kleiner positiver Nebeneffekt. Apropos Nebeneffekt. Durch die Corona-Krise haben sich ganz neue Dimensionen von Care-Arbeit aufgetan, Kinder müssen nun Zuhause beschult, bekocht und seelisch versorgt werden. Ihnen fehlen ihre Freund*innen, es entstehen Ängste und Langeweile, Sport und Freizeitbeschäftigungen sind plötzlich weggefallen. Die Haushalts-Arbeit hat sich deutlich erhöht, da immer Alle Zuhause sind. Und „nebenbei“ müssen viele Menschen noch ihrer Lohnarbeit nachgehen. Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass es überwiegend Frauen sind, die diese zusätzliche Fürsorgearbeit übernehmen, Alleinerziehende sind dementsprechend besonders belastet. Aber auch in heterosexuellen Paarbeziehungen zeichnet sich ein Prozess der Re-Traditionalisierung seit der Corona-Krise ab. Frauen haben beispielsweise deutlich häufiger als Männer ihre Arbeitszeit reduziert, um sich während der Schul- und Kitaschließungen um die Kinder kümmern zu können. Da es höchstwahrscheinlich längerfristige wirtschaftliche Auswirkungen durch die Corona-Pandemie geben wird, ist nicht klar ob sich die Arbeitszeiten anschließend wieder erhöhen lassen, was die Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern verstärken würde.

Vor diesem Hintergrund: Was für eine bittere Ironie, dass trotz dieser immensen Mehrfachbelastung von Müttern, heute der Bollerwagen-Sauf-Vatertag gefeiert wird?

Nun könnte man sagen, ach was, das ist doch nicht sexistisch, lass doch den Männern ihren Spaß und überhaupt es gibt ja auch einen Muttertag. Korrekt. Nur das die Mutter an diesem Tag ein paar Blumen und Schokolade bekommt und der Tag traditionell im Privaten stattfindet. Der Muttertag wird zuhause mit den Kindern verbracht und die Mutter bekommt im Besten Fall ein Frühstück ans Bett, im schlechtesten Fall darf sie danach die Küche aufräumen. Ein märchenhaftes Abbild stereotyper Geschlechterrollen.

Wenn man unsicher ist, ob eine Situation oder Handlung sexistisch ist, hilft es diese einfach mal umzudrehen. Wirkt dieselbe Situation absurd, lächerlich oder undenkbar, ist dies ein starker Sexismus-Indikator. Ein veranschaulichendes Beispiel hierfür ist der Kurzfilm Majorité Oppremée von Eleonore Pourriat. Dieser Umkehrtest ist übrigens auch auf alle anderen Diskriminierungsformen wie bspw. Rassismus, Homo- oder Trans*feindlichkeit anzuwenden.

Machen wir also ein kleines Gedankenexperiment. Stellt euch vor es ist Muttertag und überall begegnen euch betrunkene Frauen, die mit schlackernden nackten Brüsten laut grölend durch die Straßen ziehen. Sie haben Bollerwagen voller Bier und Grillfleisch dabei und aus einer Box dröhnen Songs, in denen es darum geht, Männer zu erniedrigen und un-einvernehmlichen Sex mit ihnen zu haben.  Die Sonne scheint und alle haben Spaß. Während die eine in ein Blumenbeet kotzt, rufen die anderen einem vorbeigehenden Mann in kurzen Hosen „geiler Arsch!“ hinterher und als er nicht reagiert, wird er von ihnen beleidigt und als prüde bezeichnet. Am Abend treffen sich einige Frauengruppen im Stadtpark, wo es durch einen beträchtlichen Alkoholpegel und einige Sonnenstiche zu einer Massenschlägerei kommt. Während die Frauen sich den ganzen Tag volllaufen lassen und die Innenstädte unsicher machen, kümmern sich die Väter Zuhause um die Kinder, kochen, putzen die Wohnung und dürfen zur Belohnung am späten Abend ihre alkoholisierten, stinkenden Frauen in Empfang nehmen. Irgendwie unrealistisch?

Vor Corona war bestimmt nicht alles rosig. Aber es darf nicht sein, dass wir nun einen gewaltigen Backlash erleben und sich Ungleichheiten noch mehr verstärken. Es ist gerade besonders schwierig, die Zeit zu finden sich mit dieser Ungleichheit auseinanderzusetzen. Wer sowieso schon müde und erschöpft ist, hat kaum die Kraft und die Zeit sich zu organisieren. Die Isolation und der fehlende Austausch tut sein Übriges. Ich habe diesen Text letzte Nacht fertig geschrieben, weil mir vorher einfach die Zeit fehlte. Aber die Wut über diese Ungerechtigkeiten hat mich wachgehalten. Ich wünsche mir, dass viele wütende Frauen, Queers und Mütter mit virtuellen Bollerwagen durch das Internet ziehen, sich vernetzen, bestärken und sich weigern diese Rollenbilder zu akzeptieren.

Happy Mothers-Day! Von gefallenen Mädchen und idealisierter Mutterschaft.

Heute ist Muttertag. Der eine Tag im Jahr, an dem Mutterschaft so etwas wie Ehre erhält. Vermeintlich. Denn die Form von gesellschaftlich erwünschter Mutterschaft folgt klar umrissenen Normen und daran hat sich seit den 50er Jahren auch nur grob etwas geändert. Geändert hat sich, dass heute mehr Frauen einer Lohnarbeit nachgehen. Trotzdem ist sowohl der Gender Pay Gap, als auch der Gender Care Gap immer noch erschreckend hoch[1]. Besonders wenn es um Elternschaft geht, gibt es weitreichende Gesellschaftliche Ungleichheiten bezüglich des Geschlechts. Wenn ich einen Blick auf die Muttertags-Werbeanzeigen werfe, wird mehrheitlich ein bestimmtes und somit ehrbares Bild von Mutterschaft vermittelt. Es handelt sich um schlanke, weiße, in einer heterosexuellen Beziehung lebende Cis-Frauen[2] ohne Einschränkungen. Klar, wieso sollte Werbung nicht auch am Muttertag in die übliche Wirksamkeits-Kiste greifen.

Diese Darstellung konstruiert und spiegelt gleichzeitig ein bestimmtes Bild von ehrbarer Mutterschaft, das in westlichen Gesellschaften herumgeistert. Das ideale Bild sieht folgendermaßen aus:

Eine Frau bekommt zwischen 28-35 Jahren ihr erstes Kind. Nicht zu früh, sonst ist sie eine wahrscheinlich unfreiwillig schwanger gewordene Teenie-Mutter (obwohl unfreiwillig auch gleichzeitig unreif und faul heißt, hätte sie halt nicht vergessen die Pille zu nehmen), die für immer arm und irgendwie ausgestoßen sein wird. Aber auch nicht zu alt, das ist ja schon komisch, wenn die Mutter in der Kita für die Oma gehalten wird. Sie hat ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen, einige Jahre gearbeitet, einen Mann kennengelernt und diesen geheiratet. Beide haben einen Bausparvertrag abgeschlossen und sich nun ein Reihenhaus gekauft. Nun kommt zur Vollendung dieses Bildes das erste und vielleicht das zweite Kind. Die Mutter nimmt Elternzeit (der Vater auch, so für 4 Wochen, ist ja schon irgendwie süß von ihm) und danach arbeitet sie in Teilzeit, während die Kinder in der Kita sind. Sie hat keine Mittagspause, weil sie in der Zeit die Kinder von der Kita abholt, kocht, putzt, wäscht und die Kinder zum Schwimmen und Geige spielen fährt. Sport macht sie auch, der Körper sollte schon wieder gut aussehen nach der Geburt. Da sie ja „nur“ in Teilzeit arbeitet, bleibt die Care-Arbeit ihr Aufgabenbereich. Feierabend? Eher nicht. Und dann bekommt sie einmal im Jahr einen Blumenstrauß und Schokolade, weil sie sich so toll an die Regeln gehalten hat. Na vielen Dank.

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Ausnahmen gibt. Das es auch in heterosexuellen Beziehungen Väter gibt, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmern, die Schwierigkeiten damit haben in Elternzeit zu gehen, weil ihr Chef das irgendwie komisch und unpassend findet und denen auf dem Spielplatz abgesprochen wird, ihr Kind richtig wickeln zu können. Genauso möchte ich damit nicht sagen, dass es nicht viele unterschiedliche Familienkonstellationen gibt. Es gibt Trans*männer die Kinder gebären, Queere Familien, Freund*innen die zu zweit oder mit mehreren Menschen Kinder großziehen, Schwule und Lesbische Paare mit Kindern, Alleinerziehende Menschen, junge und alte Eltern-Personen.

Ich spreche von idealisierten Darstellungen und Normen, die sich hartnäckig halten und zusätzlich noch von vielen Zeitschriften, in der Werbung, in Serien und Filmen transportiert werden. Und das alle Menschen, die Kinder alleine oder gemeinsam großziehen und nicht diesen Normen entsprechen einem täglichen Kampf um Anerkennung oder Abstrafung ausgesetzt sind.

Einige Bilder halten sich trotz vermeintlichem Fortschritt und sexueller Befreiung, einer weiblichen Kanzlerin und ein paar mehr Frauen in Chefetagen hartnäckig. Sowie das Bild des „gefallenen Mädchens“.  

Der Sexualunterricht in den Schulen konzentriert sich nach wie vor darauf jungen Mädchen die Gefahr einer jungen Mutterschaft vor Augen zu führen, das Bild eines „gefallenen Mädchens“ als größte Abschreckung darzustellen. Gleichzeitig wird versäumt über sexuelle Selbstbestimmung, Lust und Selbstbefriedigung aufzuklären. Fernseh-Formate wie „Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen“, verfestigen seit etlichen Jahren das Bild von verarmten, unfähigen, verantwortungslosen jungen Müttern. Väter spielen dort nur am Rand eine Rolle, der Fokus der „Schuld“ liegt auf den Mädchen bzw. jungen Frauen.

Ich bin mit 19 Jahren Mutter geworden und jahrelang versucht diesem „bösen“ Klischee nicht zu entsprechen. Ich hatte immer das Gefühl, mich besonders beweisen zu müssen, dass ich „trotz“ meines Alters und meines Alleinerziehenden-Daseins, eine liebevolle Mutter sein kann. Ich bekam regelmäßig den Satz zu hören „Was? Da bist du aber jung Mutter geworden. Irgendwie krass wie du das geschafft hast. Für mich wäre das ja nix.“ Ich habe viele Jahre mit dem Versuch verbracht mich anzupassen und akzeptiert zu werden. Ich habe Blümchen-Blusen getragen, bin nicht müde geworden zu erklären, dass ich ja trotzdem eine Ausbildung gemacht habe, arbeite, meine Tochter reitet und Ballett tanzt, zur musikalischen Früherziehung geht und gesund ernährt wird. Als ich 24 Jahre alt war, sagte mir eine Kollegin die nur 3 Jahre älter war, „Du bist doch selbst noch ein Kind.“ Auf dem Spielplatz musste ich regelmäßig meine Lebensgeschichte erzählen und Dinge hören wie „Sag mal hast du denn nicht verhütet? Das war doch bestimmt nicht gewollt!“ Und da der Vater meiner Tochter nicht weiß ist, kamen noch Aussagen hinzu wie: „Süßes Kind, aber ganz deutsch ist die doch nicht oder?“. Diese Aussagen haben mich verletzt und beschämt. Und das war auch gewollt, denn es ist einfach sich selbst aufzuwerten indem man andere Menschen abwertet. Es hat dazu geführt das ich nach noch mehr Perfektion gestrebt habe, in der Erziehung meiner Tochter, meinem Job und dem Bild das ich versucht habe nach außen zu vermitteln. Vor lauter Anpassungsbemühen bin ich sehr krank geworden.

Irgendwann kam mir die Erkenntnis: Egal wie sehr ich es versuche, wie viele Einser-Abschlüsse oder Blümchen-Blusen ich habe, ich werde nie dazugehören. Einerseits eine ernüchternde Erkenntnis, andererseits auch das Erwachen ungeahnter Freiheit. Also habe ich aufgehört Blümchen-Blusen zu tragen und sie gegen schwarze T-Shirts getauscht, bin mit meiner Tochter in eine andere Stadt gezogen, habe meine Jobs gekündigt, ein Studium begonnen und mich mit Feminismus beschäftigt. Inzwischen leben wir in einer Familien-WG, feiern Weihnachten mit Partner*innen und Wahl-Familienmitgliedern und ohne Blümchen-Blusen. Heute bin ich wütend über einengende Normen, die Menschen in Schubladen stecken und erniedrigen. Über Bilder von Mutterschaft, die Ungleichheit produzieren und Abweichungen abstrafen.

Ich habe nichts gegen einen Mutter-Tag. Blumen und Schokolade zu verschenken ist erst einmal nichts Schlechtes. Solange aber Mutterschaft in unserer Gesellschaft nach wie vor mit einer so ausgeprägten Ungleichheit und hartnäckigen Rollenbildern behaftet ist, würde ich die Schokolade lieber gegen eine Revolution eintauschen.


[1] Vgl. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap

[2] Cis bedeutet, dass die Geschlechtsidentität einer Person dem Geschlecht entspricht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.

Das Private ist politisch! Warum Feminismus systemrelevant ist.

Der feministische Slogan „Das Private ist politisch!“ ist nach wie vor aktuell. Die Corona-Krise zeigt dies in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite gibt es stärkere Eingriffe des Staates in private Bereiche und eine massive Einschränkung der Grundrechte. Seit einigen Wochen dürfen sich Personen nur noch zu zweit in der Öffentlichkeit aufhalten, bzw. mit Menschen, die im eigenen Haushalt leben. Dies führt dazu das von der Norm abweichende Familien- und Lebensmodelle noch stärker hinterfragt und diskriminiert werden. Demonstrationen werden durch die Aufhebung der Versammlungsfreiheit mit Begründung des Seuchenschutzes fast vollständig unterbunden. Die Möglichkeit auf prekäre Lebensverhältnisse und Ungleichheit aufmerksam zu machen, ist damit deutlich erschwert.

Auf der anderen Seite gibt es durch die Corona-Maßnahmen einen starken Rückzug in „Private“. Doch so flauschig wie Merkel es beschreibt, das Familien gemeinsam Zeit verbringen und Podcasts für ihre Großeltern aufnehmen, ist es bei weitem nicht für alle Menschen. In erster Linie wird hier das Bild einer Klein- und Kernfamilie vermittelt, die ausreichend Platz und Geld für Vorräte hat, gemeinsam in einem Haushalt lebt und im Besten Fall noch über eine große Wohnung oder ein Haus mit Garten verfügt. Da kann man es sich ja mal eine Weile gemütlich machen. Hiervon abweichende Familien Konstrukte oder Menschen die in prekären Lebensumgebungen leben, werden hier einfach ausgeblendet. Der verordnete Rückzug ins Private bedeutet auch, dass Menschen die von häuslicher Gewalt und Missbrauch betroffen sind, diesem noch isolierter ausgeliefert sind als vorher. Vergangene Woche gab es einen Anstieg von 17,5 % der Anrufe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“[1].

Ein weiterer Punkt ist die bezahlte und unbezahlte Fürsorge-Arbeit, die sich seit der Corona-Krise deutlich erhöht hat. Care-Arbeitende in Altenheimen und Krankenhäusern werden zurzeit besonders gefordert und gebraucht. Zumindest gibt es hierfür gerade ein bisschen mediale Aufmerksamkeit, wenn diese aber nicht anhält und sich schlechte Bezahlung und erschöpfende Arbeitsbedingungen nicht ändern, ist damit auch niemandem geholfen. Personen die Kinder haben, sind ebenfalls besonders belastet. Da alle Schulen und Kitas geschlossen sind, müssen die Kinder zuhause betreut, versorgt, beschult und bespaßt werden. Häufig zusätzlich zur Lohnarbeit. Der Gender-Care Gap betrug im letzten Jahr 52,4 %[2], das bedeutet Frauen[3] wenden im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Zeit auf um sich um Kinderbetreuung, Hausarbeit und die Pflege von Angehörigen zu kümmern. Durch die Schließung von Schulen und Kitas, wird sich dieser nun sicherlich um weitere Prozentpunkte erhöhen.

Die meisten feministischen Bewegungen, versuchten der Vereinzelung von Frauen und Queers entgegenzuwirken. Demos zu veranstalten, laut und wütend auf diese Missstände aufmerksam zu machen, ist zurzeit nicht möglich, obwohl wir es gerade jetzt so dringend bräuchten. Es gibt keine Orte, an denen wir uns treffen können, uns austauschen, trösten und Kraft zusprechen. Es gibt keine FLINT[4] Räume, in denen wir uns ausprobieren und trauen können, gemeinsam lachen und wütend sein. Es gibt keine LaDIYfeste bei denen wir uns gegenseitig etwas beibringen können und keine Take-Back-The-Night und Walpurgisnacht Demos gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus.

Es ist so wichtig, dass diese Kämpfe und Themen nicht untergehen. Auch wenn die „WerteUnion“[5] das anders sieht, Feminismus und Gender Studies sind genauso systemrelevant wie Medizin, Chemie und Biologie. (Queer-)feministische Inititativen geben Menschen eine Stimme, sie bieten Hilfe, Unterstützung und Empowerment für Frauen und Queers die Gewalt und Diskriminierungen erlebt haben. Sie schaffen Räume in denen Menschen mutig sein können und sich gegenseitig bestärken.

Sie kämpfen für eine Gesellschaft, in der Menschen frei von Rollenbildern leben können. In der es nicht nur fürsorgliche Prinzessinnen und starke, gewalttätige Ritter gibt. In der im besten Fall das Geschlecht keine Rolle mehr spielt oder eine Vielfalt von Geschlechtern die Norm ist. Gesellschaftliche Veränderungen für mehr Gleichberechtigung, gegen sexualisierte Gewalt und den Abbau von Diskriminierungen brauchen Räume und Initiativen, in denen wir uns zusammenschließen und an neuen Gesellschaftsentwürfen basteln können.

Wir dürfen uns nicht vereinzeln lassen. Lasst uns Wege finden, um füreinander da zu sein, auf sexistische Scheisse und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Und einen besonderen Blick auf diejenigen zu haben, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind. Die noch stärker isoliert sind, weil sie zur Risikogruppe gehören, von Gewalt betroffen sind, kein Zuhause haben, in Geflüchteten Unterkünften leben, jetzt noch mehr Care-Arbeit leisten oder unter psychischen Erkrankungen leiden.

Feminismus ist systemrelevant. Besonders in Zeiten in denen das System kränkelt.


[1] https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/haeusliche-gewalt-hilfetelefon-100.html

[2] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294

[3] Leider werden bei statistischen Erhebungen nach wie vor hauptsächlich die binären Kategorien „Mann“ und „Frau“ abgefragt, dass heißt Personen die sich diesen Kategorien nicht zuordnen, kommen hier nicht vor. Hier braucht es unbedingt ein Umdenken in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen.

[4] FrauenLesbenInterNon-BinaryTrans

[5] https://twitter.com/werteunion/status/1243624037475135488

Selbsternannte Moral-Sheriffs und besorgte Bürger*innen

Seitdem es die ersten Fälle von COVID-19 in Deutschland gab, ist das Bedürfnis nach Sicherheit und staatlichen Restriktionen zur Regelung der Situation groß. Eine Forsa Umfrage vom 30. März 2020 ergab, dass 88 % der Befragten mit den Ausgangsbeschränkungen einverstanden sind, mehr als die Hälfte der befragten Personen wünschten sich schärfere Beschränkungen. Und gleichzeitig lässt sich ein weiteres Phänomen beobachten. Das bundesweite Aufploppen der selbsternannten Moral-Sheriffs.

Sobald es einen Post zum Thema Klopapier, Ausgangssperren oder über den Tag einer Supermarkt-Verkäufer*in gibt, sind sie zur Stelle. Sie ergießen sich in den Kommentarspalten darüber, wie außerordentlich korrekt sie sich an die Regeln halten und beschreiben bis ins Detail wie dies von statten geht. Es gibt Zentimeter Angaben über den Abstand den ihre Kinder zu anderen Passant*innen gehalten haben und einen minutiösen Bericht über die Zeit die sie sich an der frischen Luft aufgehalten haben. Genauso intensiv wird sich auch mit dem Verhalten anderer Menschen auseinandergesetzt.

Sie regen sich furchtbar über die ganzen bösen Klopapier-Sünder*innen auf, erheben Ärzt*innen zu „unsere Helden in weiß“, steigern sich in Gewaltfantasien gegenüber verantwortungslosen Gruppen von jungen Menschen die Coronas Partys feiern hinein und suhlen sich in ihren Autoritätsfantasien. Es wird von Polizei-Einsätzen zur Auflösung von Garagen-Feiern berichtet, nachdem besorgte Bürger*innen diese gemeldet hatten. Der wachsame Nachbar bekommt hier wieder Hochkonjunktur.

Vor ein paar Tagen gab es einen KN-Artikel über Polizei-Patrouillen, die „schwerpunktmäßig“ am Kieler Hauptbahnhof, sowie in den Stadtteilen Gaarden und Mettenhof stattfinden sollten. Die implizite Unterstellung, Menschen in diesen Stadtteilen müssten besonders kontrolliert werden ist schon mehr als fragwürdig. In den Kommentaren reihten sich allerdings Forderungen aneinander, wo die Polizei doch auch mal dringend vorbeischauen sollte. Eine Facebook-Nutzerin schrieb: „Bitte auch an den Stränden!“ Sie habe dort beobachtet, wie sich zwei junge Mütter mit ihren Kindern auf dem Parkplatz zum Spazieren gehen getroffen hätten und dort eine Fünf-köpfige Familie über drei Generationen unterwegs war. Keiner der Personen hätte den Mindestabstand zueinander eingehalten.

Eine Freundin meiner Schwester ist mit ihrem Freund schon nach Bekanntwerden von ersten Corona-Fällen in das Ferienhaus von Freunden gefahren, um ihn vor einer Ansteckung zu schützen. Ihr Freund hat eine Immun-Erkrankung und gehört somit zur Risiko-Gruppe. Als die Einreise-Beschränkungen nach Schleswig-Holstein wirksam wurden, bekamen sie den Hinweis von einem Bauern, Einwohner*innen hätten das Ordnungsamt informiert, da vor dem Haus ein Auto mit einem fremden Kennzeichen stünde. Sie sollten doch lieber schnell verschwinden. In einer Nacht-und-Nebel Aktion haben sie dies dann auch getan, da sie Angst hatten eine hohe Strafe zahlen zu müssen.

In einigen Orten in Schleswig-Holstein bekommen Autos mit „ortsfremden“ Kennzeichen Hass-Zettelchen unter die Scheibenwischer gesteckt mit Texten wie „Verlassen Sie den Strand und kehren Sie an Ihren gemeldeten Wohnsitz zurück! Sie sind hier unerwünscht!“ Unabhängig davon, dass dies zum Teil faktischer Quatsch ist, da Menschen inzwischen ihr Kennzeichen behalten können, wenn sie umziehen, dreht sich mir noch aus einem anderen Grund der Magen um, wenn ich solche Zettel lese. Wenn schon Menschen die aus einem anderen Bundesland Hass-Zettelchen zugesteckt werden, diese als die „Anderen“ empfunden werden die in „unserem“ Bundesland nichts zu suchen haben, was passiert dann mit Menschen die als vermeintlich noch „fremder“ wahrgenommen werden?  

Sich selbst als moralisch einwandfrei zu erheben indem man sich von Klopapier-Sündiger*innen abgrenzt, das verwerfliche Verhalten anderer zu dokumentieren und mit hämischen Ausführungen von Autoritäts-Fantasien um sich zu werfen ist eine Möglichkeit mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Es gibt aber auch Alternativen um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erlangen und mit Hilflosigkeit umzugehen. Verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Risikogruppen, indem man auf Corona-Partys verzichtet, Kontakte einschränkt und dem Drang noch eine Packung Klopapier zu kaufen zu widerstehen. Mitgefühl zu zeigen, gegenüber Menschen die nicht so einfach zuhause bleiben können. Sich für die Aufnahme der Geflüchteten auf den griechischen Inseln einzusetzen. Sich auch nach der Corona-Krise für bessere Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal und Verkäufer*innen einzusetzen. Vorschnelle Verurteilungen von Verhaltensweisen zu hinterfragen. Aufmerksam zu sein in Situationen die wirklich scheisse sind. Den Mund aufzumachen, wenn eine Kollegin mal wieder einen sexistischen Spruch abbekommt. Wenn eine Person gefragt wird „wo sie denn wirklich herkommt“. Wenn eine Trans-Frau auf der Straße angepöbelt wird oder beim Familienfest darüber sinniert wird, Deutschland können ja nun wirklich nicht noch mehr Geflüchtete aufnehmen. In solchen Situationen nicht wegzuschauen gibt auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ohne bitteren Beigeschmack. Es kann nachhaltig zu einer offeneren, mitfühlenden Gesellschaft führen. Und es hilft gegen Wut-Magengeschwüre.