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Artikel in der Freitag: Systemwechsel oder weiter im Leistungsmodus?

Jugend in der Coronakrise Fast eineinhalb Jahre Corona-Pandemie haben bei vielen jungen Menschen Spuren hinterlassen. Was bedeutet eine Rückkehr in den Leistungsmodus für Jugendliche?

Ich habe in „der Freitag“, einen Artikel über Jugendliche in der Corona Krise, Drogenkonsum, Mental-Illness, Polizeieinsätze und Leistungsdruck geschrieben.

Nachzulesen unter: https://www.freitag.de/autoren/lea-weiss/systemwechsel-oder-weiter-im-leistungsmodus

Beschissene Zeiten und Maulwurf-Babys

Eigentlich ist heute mein Self-Care Tag. Eine Maßnahme die ich mit meiner Therapeutin ausgeheckt habe. Als sie die Idee hatte, fand ich die Vorstellung so geil und verlockend, dass ich sie direkt umsetzen wollte. Der Plan: Aufstehen, laaange Yoga-Session mit Duftkerze, Haare färben, Frühstücken, an den Strand fahren, um einen langen Spaziergang voller tiefsinniger Gedanken und kreativer Ideen für meine Texte zu machen, danach tiefsinnige, kreative Texte schreiben. Außerdem ist der Deal heute nicht zu kochen, also nicht für andere. Meiner Tochter ists egal, die kommt eh erst später und Frosta Nudeln findet sie immer geil. Also: Nach der produktiven Phase – vollkommener Entspannungsgenuss, nochmal Yoga, was richtig Geiles zu essen, ne Flasche Pinot und ein Film, den nur ich sehen will. Der perfekte Tag. Natürlich völlig ohne Perfektionsanspruch.

Die Realität: Also das mit dem Aufstehen hat schon mal nicht so gut geklappt. Um 6.30 bin ich nach einer Nacht voll extrem-weirder Träume (ich stand in einer fremden Küche und an der Fensterscheibe ist ein blindes, nacktes Maulwurfbaby entlang gekrabbelt) mit bleiernen Beinen und geschwollenen Augen in die Küche gekrochen, um meiner Tochter Apfel-Zimt Porridge und mir Kaffee zu machen. Danach bin ich wieder im Bett verschwunden und habe mich rumgewälzt. Den Fehler gemacht meine Mails zu lesen, super, die Lehrerin meines Pubertäts-Monsters will mit mir telefonieren, da sie anscheinend letzte Woche geschwänzt hat. Genau was ich brauche. Laptop wieder zugeklappt, weiter im Bett gewühlt und ab und zu einen Schluck Kaffee getrunken. Das dauerte bis 10 Uhr. Danach kurz zusammengerissen, Yoga, Haare färben ein Brot gegessen. Anschließend völlige Erschöpfung. Nach einer längeren Zeit in Unterhose und mit nassen Haaren auf der Bettkante sitzend entscheide ich mich gegen eine Jeans und für die Jogging Hose. Die Vorstellung ne viertel Stunde zum Auto zu latschen das meine Freundin und ich uns teilen und sie gestern aufgrund von chronischem Parkplatzmangel am Arsch der Stadt abstellen musste ist grauenhaft. Die Vorstellung durch die graue, nebelsuppige Stadt an Menschen vorbeilaufen zu müssen, um dann mit dem Auto über eine graue Landstraße zu fahren, um danach am grauen Strand zu laufen an dem man vor lauter scheiss-grauer Nebelsuppe nicht mal den Horizont sehen kann besiegt jegliche Motivation. Ich liebe den Strand und die Steilküste. Ich liebe den Wind und normalerweise lasse ich mich weder von Regen noch Wolken davon abhalten dort. Aber das Ganze Paket ist gerade einfach nicht überzeugend. Die Sinnlosigkeit und Erschöpfung meiner aktuellen Depressionsphase scheinen heute ihre Glanzstunde zu haben. Nachdem ich anschließend zwei Stunden regungslos auf meinem Bett bei einem wirklich guten Hörbuch weggepennt bin und mich danach übelst verkatert fühlte, habe mich entschieden aufzustehen und meinem Tag einen Sinn zu geben in dem ich die Wohnung sauge und meine Regale von Staub befreie. Das ist ein ziemlich trauriger Tages-Sinn aber das ist zumindest überhaupt einer, und er bringt mich dazu mich zu bewegen.

Dabei fällt mir auf, wie sehr ich es vermisse zu tanzen. Die Sehnsucht wird so stark, dass sie anfängt in meinem Bauch zu ziehen und in den Beinen zu schmerzen. Also beschließe ich alleine in meinem Zimmer zu tanzen. Habe ich früher schon gemacht, ist aber ewig her. Ich weiß das es vor mir schon einige Leute gab, die in der Pandemie in ihren Wohnungen getanzt haben, ist jetzt also nix bahnbrechendes. Ich brauche meistens länger, um mich an neue Herangehensweisen zu gewöhnen und sie für gut und zumindest brauchbar zu befinden. War auch mit den Zoom-BBB-Jitsy Konferenzen so (habe diese nach ca. 2 Monaten für teilweise brauchbar und nach 9 Monaten für ne hauptsächlich richtig gute Sache erklärt). Nun also tanzen. Nach dem ersten Herumhüpfen und Wiegen zu ner Playlist mit 80ies Punk, bei dem man so richtig schön den Bass raus hört, schießt mir der Schmerz in den rechten Knöchel, den ich auf ner Brüssel-Studienreise mal ziemlich misshandelt habe. Scheisse, das kann ja jetzt nicht sein, ich bin voll in Stimmung, habe mein goldenes Haarband aufgesetzt und jetzt sowas. Also versuche ich vorsichtig nur den anderen Knöchel zu belasten und nach einer Weile haben sich beide Knöchel an diese scheinbar inzwischen völlig ungewohnte Bewegung gewöhnt und ich schwebe beseelt durch mein Zimmer. Alles anders als gedacht, aber für diese beschissenen Zeiten gar nicht schlecht. Also bin ich gnädig und nachsichtig mit mir, meinem Knöchel und meiner gequälten düsteren Seele und verbuche diesen Tag als vollen Erfolg.

Eine Lobby für die Leisen

Die Welt hat sich verändert. Nicht das vor der Pandemie alles geil war. Aber wenn man den Teilnehmer*innen der sogenannten Hygiene-Demos glaubt, befinde ich mich bereits in einer Diktatur und muss dauerhaft einen Maulkorb tragen, im konkreten wie auch im übertragenen Sinne. Außerdem wird demnächst eine Armee von Eliten herumfahren, mir auf der Straße eine Zwangsimpfung inklusive Chip in den Hintern drücken und danach feiern sie ihre ewige Jugend, indem sie das Blut von durch UNICEF vermittelte Kindern in ihren geheimen Luxus-Bunkern trinken. Gott sei Dank gibt es tausende Freiheitskämpfer*innen die diese Wahrheit erkannt haben und in Berlin mal so richtig Stunk machen. Unter denen gibt es auch keine Nazis, naja ein paar Reichsflaggen… Aber es sind ja alle Menschen und das ist auch mega intolerant, wenn man die ausschließt. All lives matter und so.

Ich möchte den Menschen nicht ihre Ängste und Sorgen absprechen. Demokratische Prozesse und Gesellschaften leben bekanntlich von Streit zwischen Gruppierungen und Parteien mit unterschiedlichen Positionen, Debatten und Auseinandersetzungen. Aber wenn eine Gruppe anderen Menschen ihre Meinung absprechen, ihre Art zu leben, ihre Sexualität, ihr Recht auf Unversehrtheit, behaupten es herrsche eine Diktatur obwohl sie sich selbst eine wünschen in der nur ihre Meinung und Weltanschauung Platz hat, ist das kein demokratischer Prozess.

Die Pandemie und die Corona Beschränkungen haben weltweit den Alltag vieler Menschen verändert, Ungleichheiten verstärkt und Existenzen zerstört. Es hat dazu geführt, dass Grenzen geschlossen wurden und unglaubliches Unrecht und Leid der Menschen beispielsweise auf den griechischen Inseln ins Unermessliche steigt. Aber COVID-19 ist keine Erfindung irgendwelcher Eliten, um Gesellschaften zu unterdrücken und Bürger*innen Chips zu implantieren.

Wenn Verschwörungstheoretiker*innen auf Demos von Maulkörben, Zwangsimpfungen und Diktaturen fantasieren und sich einen Kaiser zurückwünschen, sind sie damit unglaublich laut und medienwirksam. Sie sind auf allen Titel Seiten, es wird in Talk-Shows darüber diskutiert und die sozialen Medien sind voll von Ihnen und ihren Schrei-Parolen. Margarete Stokowski hat neulich einen Artikel „für die Traurigen und die Müden“ in der Pandemie geschrieben. Menschen die ihren Alltag nach über einem halben Jahr Corona-Welt nicht oder nur schwer schaffen. Menschen die traurig sind, müde und ängstlich, die keine laute schreiende Lobby haben.

Ich empfinde es nicht als Maulkorb, wenn ich beim Einkaufen eine Maske tragen soll. Ja es nervt und wenn man zu Atemnot durch Panikattacken neigt, ist die nicht besonders hilfreich. Aber fuck, es ist ein Stück Stoff in meinem Gesicht für eine sehr überschaubare Zeit. Und nein, ich habe auch nicht das Gefühl in einer Diktatur zu leben, in der ich nicht sagen kann was ich denke. Ich schreibe immerhin gerade diesen Artikel und die Leute auf den Anti-Corona Demos widerlegen ja nun auch durch ihre Dasein und ihre mediale Präsenz das Gegenteil. Aber ich bin müde, ich bin erschöpft und ich mache mir Sorgen. Es macht mir Sorgen, wenn Gruppen von Menschen wirklich der Überzeugung sind, wir würden uns in einer Diktatur befinden und die AfD wäre eine freiheitliche Alternative. Es macht mir Angst, wenn Nazis ihre menschenverachtenden Parolen beinahe unwidersprochen auf „bürgerlich“-verstandenen Demos, im Bundestag und im Netz verbreiten können. Das sich die Gesellschaft, in der ich lebe an rechte Positionen zu gewöhnen scheint. Das immer mehr Staaten in der EU nach rechts rücken. Das die EU sich weigert für die Menschen im Lager Moria Verantwortung zu übernehmen. Das ein Rassist vorhat in den USA einen Bürgerkrieg anzuzetteln, weil sein Ego es nicht erträgt, wenn er nicht gewählt wird.

Ich bin erschöpft, weil ich über viele Monate versucht habe meine Uni-Leistungen zu erbringen und gleichzeitig mein Kind Zuhause zu beschulen, zu beruhigen, zu bekochen und ihr die sozialen Kontakte zu ersetzen. Weil mein mental-load die 100 weit überschritten hat. Eine gute Freundin, Partnerin und Tochter zu sein. Meine Mutter zu beruhigen und mein Wissen zu teilen, als es hieß Nazis wollen den Bundestag stürmen. Mich politisch auszudrücken und zu schreiben, weil es das ist was ich immer am Allermeisten tun wollte.

Ich bin müde, weil ich trotz einer Depression versuche weiter zu machen. Nachsichtig mit mir zu sein, wenn ich nicht all meine hochgesteckten Ziele erreiche oder andere Wege zu finden, um sie zu erreichen. Ich habe Angst, dass Menschen die mir nah stehen und zur Risiko-Gruppe gehören an Corona erkranken. Es ist bedrückend und legt sich wie ein dunkler Schleier über die nächsten Monate und das nächste Jahr, dass niemand sagen kann, wie es mit dieser Pandemie weitergeht. Mir fehlt so sehr meine feministische, queere Community. Mir fehlen Ladiyfeste und politische Räume. Es kostet Kraft Kontakte herzustellen und andere Wege der Vernetzung zu schaffen. Mir fehlt die Leichtigkeit, Konzerte und Festivals. Und Scheisse, wie gerne würde ich mal wieder tanzen!

Ich sehe um mich herum Menschen die traurig sind, die erschöpft sind, die Care-Arbeit leisten, sich um andere kümmern, die mit psychischen Erkrankungen struggeln, für die eine Ansteckung eine echte Gefahr darstellt und die resigniert sind. Das es noch lange so weiter geht. Die gerade nicht wissen, wie sie sich finanzieren sollen und wann es besser wird. Denen die Ausstülpungen der Hygiene-Demo-People mehr Atemnot macht als das Tragen einer Maske.

Diese Menschen haben keine laute Schrei-Lobby. Aber sie sind auch Teil dieser Gesellschaft, sie sind nur leiser. Sie machen sich sinnvolle, differenzierte Gedanken und es wäre wertvoll inne zu halten und ihnen zuzuhören.

Das Private ist politisch! Warum Feminismus systemrelevant ist.

Der feministische Slogan „Das Private ist politisch!“ ist nach wie vor aktuell. Die Corona-Krise zeigt dies in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite gibt es stärkere Eingriffe des Staates in private Bereiche und eine massive Einschränkung der Grundrechte. Seit einigen Wochen dürfen sich Personen nur noch zu zweit in der Öffentlichkeit aufhalten, bzw. mit Menschen, die im eigenen Haushalt leben. Dies führt dazu das von der Norm abweichende Familien- und Lebensmodelle noch stärker hinterfragt und diskriminiert werden. Demonstrationen werden durch die Aufhebung der Versammlungsfreiheit mit Begründung des Seuchenschutzes fast vollständig unterbunden. Die Möglichkeit auf prekäre Lebensverhältnisse und Ungleichheit aufmerksam zu machen, ist damit deutlich erschwert.

Auf der anderen Seite gibt es durch die Corona-Maßnahmen einen starken Rückzug in „Private“. Doch so flauschig wie Merkel es beschreibt, das Familien gemeinsam Zeit verbringen und Podcasts für ihre Großeltern aufnehmen, ist es bei weitem nicht für alle Menschen. In erster Linie wird hier das Bild einer Klein- und Kernfamilie vermittelt, die ausreichend Platz und Geld für Vorräte hat, gemeinsam in einem Haushalt lebt und im Besten Fall noch über eine große Wohnung oder ein Haus mit Garten verfügt. Da kann man es sich ja mal eine Weile gemütlich machen. Hiervon abweichende Familien Konstrukte oder Menschen die in prekären Lebensumgebungen leben, werden hier einfach ausgeblendet. Der verordnete Rückzug ins Private bedeutet auch, dass Menschen die von häuslicher Gewalt und Missbrauch betroffen sind, diesem noch isolierter ausgeliefert sind als vorher. Vergangene Woche gab es einen Anstieg von 17,5 % der Anrufe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“[1].

Ein weiterer Punkt ist die bezahlte und unbezahlte Fürsorge-Arbeit, die sich seit der Corona-Krise deutlich erhöht hat. Care-Arbeitende in Altenheimen und Krankenhäusern werden zurzeit besonders gefordert und gebraucht. Zumindest gibt es hierfür gerade ein bisschen mediale Aufmerksamkeit, wenn diese aber nicht anhält und sich schlechte Bezahlung und erschöpfende Arbeitsbedingungen nicht ändern, ist damit auch niemandem geholfen. Personen die Kinder haben, sind ebenfalls besonders belastet. Da alle Schulen und Kitas geschlossen sind, müssen die Kinder zuhause betreut, versorgt, beschult und bespaßt werden. Häufig zusätzlich zur Lohnarbeit. Der Gender-Care Gap betrug im letzten Jahr 52,4 %[2], das bedeutet Frauen[3] wenden im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Zeit auf um sich um Kinderbetreuung, Hausarbeit und die Pflege von Angehörigen zu kümmern. Durch die Schließung von Schulen und Kitas, wird sich dieser nun sicherlich um weitere Prozentpunkte erhöhen.

Die meisten feministischen Bewegungen, versuchten der Vereinzelung von Frauen und Queers entgegenzuwirken. Demos zu veranstalten, laut und wütend auf diese Missstände aufmerksam zu machen, ist zurzeit nicht möglich, obwohl wir es gerade jetzt so dringend bräuchten. Es gibt keine Orte, an denen wir uns treffen können, uns austauschen, trösten und Kraft zusprechen. Es gibt keine FLINT[4] Räume, in denen wir uns ausprobieren und trauen können, gemeinsam lachen und wütend sein. Es gibt keine LaDIYfeste bei denen wir uns gegenseitig etwas beibringen können und keine Take-Back-The-Night und Walpurgisnacht Demos gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus.

Es ist so wichtig, dass diese Kämpfe und Themen nicht untergehen. Auch wenn die „WerteUnion“[5] das anders sieht, Feminismus und Gender Studies sind genauso systemrelevant wie Medizin, Chemie und Biologie. (Queer-)feministische Inititativen geben Menschen eine Stimme, sie bieten Hilfe, Unterstützung und Empowerment für Frauen und Queers die Gewalt und Diskriminierungen erlebt haben. Sie schaffen Räume in denen Menschen mutig sein können und sich gegenseitig bestärken.

Sie kämpfen für eine Gesellschaft, in der Menschen frei von Rollenbildern leben können. In der es nicht nur fürsorgliche Prinzessinnen und starke, gewalttätige Ritter gibt. In der im besten Fall das Geschlecht keine Rolle mehr spielt oder eine Vielfalt von Geschlechtern die Norm ist. Gesellschaftliche Veränderungen für mehr Gleichberechtigung, gegen sexualisierte Gewalt und den Abbau von Diskriminierungen brauchen Räume und Initiativen, in denen wir uns zusammenschließen und an neuen Gesellschaftsentwürfen basteln können.

Wir dürfen uns nicht vereinzeln lassen. Lasst uns Wege finden, um füreinander da zu sein, auf sexistische Scheisse und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Und einen besonderen Blick auf diejenigen zu haben, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind. Die noch stärker isoliert sind, weil sie zur Risikogruppe gehören, von Gewalt betroffen sind, kein Zuhause haben, in Geflüchteten Unterkünften leben, jetzt noch mehr Care-Arbeit leisten oder unter psychischen Erkrankungen leiden.

Feminismus ist systemrelevant. Besonders in Zeiten in denen das System kränkelt.


[1] https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/haeusliche-gewalt-hilfetelefon-100.html

[2] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294

[3] Leider werden bei statistischen Erhebungen nach wie vor hauptsächlich die binären Kategorien „Mann“ und „Frau“ abgefragt, dass heißt Personen die sich diesen Kategorien nicht zuordnen, kommen hier nicht vor. Hier braucht es unbedingt ein Umdenken in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen.

[4] FrauenLesbenInterNon-BinaryTrans

[5] https://twitter.com/werteunion/status/1243624037475135488

Selbsternannte Moral-Sheriffs und besorgte Bürger*innen

Seitdem es die ersten Fälle von COVID-19 in Deutschland gab, ist das Bedürfnis nach Sicherheit und staatlichen Restriktionen zur Regelung der Situation groß. Eine Forsa Umfrage vom 30. März 2020 ergab, dass 88 % der Befragten mit den Ausgangsbeschränkungen einverstanden sind, mehr als die Hälfte der befragten Personen wünschten sich schärfere Beschränkungen. Und gleichzeitig lässt sich ein weiteres Phänomen beobachten. Das bundesweite Aufploppen der selbsternannten Moral-Sheriffs.

Sobald es einen Post zum Thema Klopapier, Ausgangssperren oder über den Tag einer Supermarkt-Verkäufer*in gibt, sind sie zur Stelle. Sie ergießen sich in den Kommentarspalten darüber, wie außerordentlich korrekt sie sich an die Regeln halten und beschreiben bis ins Detail wie dies von statten geht. Es gibt Zentimeter Angaben über den Abstand den ihre Kinder zu anderen Passant*innen gehalten haben und einen minutiösen Bericht über die Zeit die sie sich an der frischen Luft aufgehalten haben. Genauso intensiv wird sich auch mit dem Verhalten anderer Menschen auseinandergesetzt.

Sie regen sich furchtbar über die ganzen bösen Klopapier-Sünder*innen auf, erheben Ärzt*innen zu „unsere Helden in weiß“, steigern sich in Gewaltfantasien gegenüber verantwortungslosen Gruppen von jungen Menschen die Coronas Partys feiern hinein und suhlen sich in ihren Autoritätsfantasien. Es wird von Polizei-Einsätzen zur Auflösung von Garagen-Feiern berichtet, nachdem besorgte Bürger*innen diese gemeldet hatten. Der wachsame Nachbar bekommt hier wieder Hochkonjunktur.

Vor ein paar Tagen gab es einen KN-Artikel über Polizei-Patrouillen, die „schwerpunktmäßig“ am Kieler Hauptbahnhof, sowie in den Stadtteilen Gaarden und Mettenhof stattfinden sollten. Die implizite Unterstellung, Menschen in diesen Stadtteilen müssten besonders kontrolliert werden ist schon mehr als fragwürdig. In den Kommentaren reihten sich allerdings Forderungen aneinander, wo die Polizei doch auch mal dringend vorbeischauen sollte. Eine Facebook-Nutzerin schrieb: „Bitte auch an den Stränden!“ Sie habe dort beobachtet, wie sich zwei junge Mütter mit ihren Kindern auf dem Parkplatz zum Spazieren gehen getroffen hätten und dort eine Fünf-köpfige Familie über drei Generationen unterwegs war. Keiner der Personen hätte den Mindestabstand zueinander eingehalten.

Eine Freundin meiner Schwester ist mit ihrem Freund schon nach Bekanntwerden von ersten Corona-Fällen in das Ferienhaus von Freunden gefahren, um ihn vor einer Ansteckung zu schützen. Ihr Freund hat eine Immun-Erkrankung und gehört somit zur Risiko-Gruppe. Als die Einreise-Beschränkungen nach Schleswig-Holstein wirksam wurden, bekamen sie den Hinweis von einem Bauern, Einwohner*innen hätten das Ordnungsamt informiert, da vor dem Haus ein Auto mit einem fremden Kennzeichen stünde. Sie sollten doch lieber schnell verschwinden. In einer Nacht-und-Nebel Aktion haben sie dies dann auch getan, da sie Angst hatten eine hohe Strafe zahlen zu müssen.

In einigen Orten in Schleswig-Holstein bekommen Autos mit „ortsfremden“ Kennzeichen Hass-Zettelchen unter die Scheibenwischer gesteckt mit Texten wie „Verlassen Sie den Strand und kehren Sie an Ihren gemeldeten Wohnsitz zurück! Sie sind hier unerwünscht!“ Unabhängig davon, dass dies zum Teil faktischer Quatsch ist, da Menschen inzwischen ihr Kennzeichen behalten können, wenn sie umziehen, dreht sich mir noch aus einem anderen Grund der Magen um, wenn ich solche Zettel lese. Wenn schon Menschen die aus einem anderen Bundesland Hass-Zettelchen zugesteckt werden, diese als die „Anderen“ empfunden werden die in „unserem“ Bundesland nichts zu suchen haben, was passiert dann mit Menschen die als vermeintlich noch „fremder“ wahrgenommen werden?  

Sich selbst als moralisch einwandfrei zu erheben indem man sich von Klopapier-Sündiger*innen abgrenzt, das verwerfliche Verhalten anderer zu dokumentieren und mit hämischen Ausführungen von Autoritäts-Fantasien um sich zu werfen ist eine Möglichkeit mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Es gibt aber auch Alternativen um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erlangen und mit Hilflosigkeit umzugehen. Verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Risikogruppen, indem man auf Corona-Partys verzichtet, Kontakte einschränkt und dem Drang noch eine Packung Klopapier zu kaufen zu widerstehen. Mitgefühl zu zeigen, gegenüber Menschen die nicht so einfach zuhause bleiben können. Sich für die Aufnahme der Geflüchteten auf den griechischen Inseln einzusetzen. Sich auch nach der Corona-Krise für bessere Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal und Verkäufer*innen einzusetzen. Vorschnelle Verurteilungen von Verhaltensweisen zu hinterfragen. Aufmerksam zu sein in Situationen die wirklich scheisse sind. Den Mund aufzumachen, wenn eine Kollegin mal wieder einen sexistischen Spruch abbekommt. Wenn eine Person gefragt wird „wo sie denn wirklich herkommt“. Wenn eine Trans-Frau auf der Straße angepöbelt wird oder beim Familienfest darüber sinniert wird, Deutschland können ja nun wirklich nicht noch mehr Geflüchtete aufnehmen. In solchen Situationen nicht wegzuschauen gibt auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ohne bitteren Beigeschmack. Es kann nachhaltig zu einer offeneren, mitfühlenden Gesellschaft führen. Und es hilft gegen Wut-Magengeschwüre.

Von Basilikum-Töpfen und Solidarität

Im Zuge der Maßnahmen zu Eindämmung des COVID-19 Virus rufen Politiker*innen aus den unterschiedlichen Parteien und Führungsebenen in Deutschland dazu auf: Solidarität. Die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, der deutsche Ethikrat, das Goettinger Tageblatt und selbst die Bildzeitung titelt: „Corona als Moralprobe – Darum müssen wir jetzt solidarisch sein.“ Natürlich fettgedruckt und mit einer Klopapier-beladenen Person im Header-Bild.   

Es wird dazu aufgerufen Solidarität zu zeigen mit alten Menschen, Risikopatient*innen und mit allen Menschen die Klopapier benötigen. Daran ist erst mal nichts verkehrt. Solidarität mit anderen Menschen zu fordern in einer stark individualisierten, neoliberalen Gesellschaft ist sicherlich schon eine Herausforderung.

Um Solidarität mit Pflegepersonal, Ärzt*innen und Verkäufer*innen zu zeigen, werden Balkon-Klatsch-Aktionen organisiert. Als ich von diesen Klatsch-Aktionen las, kamen mir die Bahnhof-Klatsch-Aktionen von 2015 in den Sinn, bei denen Geflüchtete an Bahnhöfen durch Reihen von klatschenden Bürger*innen begrüßt wurden um ihnen zu zeigen das sie in Deutschland willkommen seien. Daraus erwuchs das Wort „Willkommenskultur“ in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ von 2015.

Im Zusammenhang der darauffolgenden Entwicklungen, musste ich an Basilikum denken. Wenn ich einkaufen gehe, lasse ich mich regelmäßig von prall-duftenden Basilikum-Töpfen verführen. Sie sehen so saftig aus und leuchten knall-grün über den Tomatenkisten. Es entzückt mich, wie toll sich dieser prächtige Basilikum-Topf zwischen dem Olivenöl und der Küchenrolle in meine Küchenlandschaft einfügt. Und jedes Mal bin ich enttäuscht, wenn er nach einer Woche eingegangen ist. Meine Freundin schimpft immer ein bisschen über diese Impulskäufe, mit dem Hinweis, ich solle doch lieber selbst Basilikum aussähen. Das sei viel nachhaltiger, die Supermarkttöpfe im Gewächshaus schnell hochgezüchtet, um kurz prall und saftig auszusehen, damit Menschen sie kaufen.

Vielleicht hat sie Recht. Vielleicht wäre es gut, mein Bedürfnis nach einem schnellen Kauf mit einem sichtbaren, sofortigen, aber sehr kurzlebigen Ergebnis zu überdenken. Klar, es kostet Zeit und Mühe selbst zu sähen, zu gießen, zu düngen und man braucht Geduld. Und dass meine Pflanze keine Blattläuse bekommt, kann sie mir auch nicht versprechen. Aber die Pflänzchen haben mehr Platz zum Wachsen und durch Zeit und Pflege bleiben sie robuster und leben deutlich länger als mein Gewächshaus-Topf.

Wenn Videos von klatschenden Menschen auf Balkonen oder Bahnhöfen viral gehen, ist das wie mit meinem Basilikum-Topf. Eine schillernde, aber sehr kurzlebige Aktion. Um dies nicht misszuverstehen: Klatschen kann ein Anfang sein, um Sichtbarkeit für prekäre Arbeits- und Lebenssituationen zu schaffen. Klatschen ist besser als Hetze. Aber wenn die Sichtbarkeit nach der Klatsch-Aktion auf dem Kompost landet ist das Ganze wenig hilfreich. Wenn auf eine Zeit der „Willkommenskultur“ der Aufstieg einer rechten Partei folgt, bekommt das Ganze einen sehr bitteren Geschmack.

Auf die prekäre Arbeitssituation von Pflegepersonal und Verkäufer*innen aufmerksam zu machen ist ein erster und notwendiger Schritt. Aber es ist nötig Mühe und Geduld aufzubringen. Sich nachhaltig für bessere Arbeitsbedingungen, eine wertschätzende Bezahlung und gegen eine Privatisierung des Gesundheitssystems einzusetzen. Die Arbeitssituation der Menschen in diesen aktuell als systemrelevant erkannten Berufen auch nach Corona nicht zu vergessen. Denn sonst wird das Klatschen vom Balkon zu einer hohlen, zynischen Handlung.

Es gibt bereits Forderungen für nachhaltige Veränderungen, besonders im Care-Bereich, auch über die Corona-Krise hinaus. In ihrer feministischen Analyse zur Corona-Krise fordert Dominique Just zur Bewältigung der Corona-Krise und für eine geschlechtergerechte Post-Corona-Welt eine umfassende Care-Revolution. Durch eine grundlegende Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie bessere Elternzeitregelungen, rechtliche Sicherheit für alternative Familienmodelle und Einkommensgleichheit. Sie betont die Notwendigkeit einer radikalen Verbesserung der Arbeitsbedingungen für bezahlte Care-Arbeitende, ein bedingungsloses Grundeinkommen über die Corona-Krise hinaus und eine Ökonomie der (Vor-)Sorge, in der die Bedürfnisse von Menschen im Zentrum stehen.

Wenn nun der Bundespräsident oder die Kanzlerin zu Solidarität aufruft, was ist damit eigentlich gemeint?   

Die Sozialwissenschaften unterscheiden den Begriff der Solidarität grob in universalistische und partikularistische Ansätze. Universalistische Ansätze betonen eine Form der globalen Solidarität, also ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein gegenseitiges füreinander Einstehen aufgrund des geteilten Menschseins. Partikularistische Ansätze betonen hingegen die Exklusivität der Solidarität gegenüber Menschen mit denen wir spezifische Gemeinsamkeiten haben, mit denen wir eine Geschichte, Überzeugungen und Interessen teilen. Exklusivität bedeutet hier, dass wir diese Solidarität nur Gruppen gegenüber empfinden die uns ähnlich sind und nicht gegenüber den Gruppen von Menschen die wir als „anders“ bezeichnen. Also praktisch eine Abgrenzung in „Wir“ und „Die Anderen“. Vertreter*innen dieser partikularistischen Ansätze kritisieren, dass bei universalistischen Ansätzen die sich „nur“ auf das geteilte Menschsein beziehen die Motivation fehle, Menschen überfordert wären und Hilfsbereitschaft hierdurch abgeschwächt wird.

Wenn nun von Politiker*innen zu Solidarität aufgerufen wird, in sozialen Medien von „unseren Helden in Weiß“ gesprochen wird, beziehen sich diese Aussagen auf ein partikularistisches Verständnis von Solidarität. Solidarität innerhalb einer Nation, eines Wirtschafts- und Gesundheitssystems, höchstens noch auf EU-Ebene. Dieses Berufen auf ein „Wir“, auf unser Pflegepersonal und unsere Krankenhäuser mag dabei helfen, Menschen dazu zu animieren sich an die Regeln zu halten. Für ein höheres Ziel, die Rettung unserer Gesellschaft, sind Menschen durch diese Form der Identifikation bereit sich einzuschränken. Nur hat diese Bezeichnung als ein „Wir“ auch eine prekäre Schattenseite. Die automatische Abgrenzung zu den „Anderen“.

Und diese „Anderen“ sitzen gerade auf Lesbos, an der türkisch-griechischen Grenze bzw. inzwischen in Abschiebelagern im Landesinneren der Türkei. Sie leben dort in unmenschlichen Zuständen, es gibt keine Möglichkeit Abstand zu halten, keine nennenswerte medizinische Versorgung, sie sind Hunger und Kälte ausgeliefert, hier bekommt die Einschränkung der Bewegungsfreiheit eine ganz andere Dimension. Durch die Corona-Krise ist Deutschland und Europa so sehr mit dem „Wir“ beschäftigt, dass Solidarität mit diese „Anderen“ keinen Raum mehr findet.

Wenn es laut dieser Kritik an einem universalistischen Solidaritätsverständnis nicht ausreicht Solidarität aufgrund des Menschseins zu zeigen, ist es vielleicht nötig sich auf die Suche nach Ähnlichkeiten zu begeben, um Mitgefühl und aktives Handeln anzustoßen. Sich bewusst zu machen, dass diese Menschen ebenfalls Kinder haben, Großeltern, Liebesbeziehungen. „Wir“ teilen mit ihnen das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Zukunftsperspektiven, nach Lebensfreude und Anerkennung. Solidarität sollte sich nicht nur auf das vermeintliche „Wir“ in Form einer Nation beschränken. Wir leben nun mal in einer globalisierten Welt. Deutschland profitiert in einem besonderen Maße davon und dies bringt Verantwortung mit sich. Wir brauchen sowohl eine globale Form der Solidarität als auch eine nachhaltige. Das Klatschen für Pflegepersonal, Verkäufer*innen und alle anderen bezahlten und unbezahlten Care-Arbeitenden darf nicht einfach verhallen. Darauf folgen muss eine gesellschaftliche Diskussion über die Veränderung prekärer Arbeitsverhältnisse, eine angemessene Entlohnung und Verteilung von Care-Arbeit, sowie Verantwortung und Solidarität mit Geflüchteten.

(K)eine Zeit für Demokratie?

Als die ersten #staythefuckhome in meinen Newsfeed flatterten, wurde ich doch aufmerksam, denn sie kamen von Menschen aus meiner links-feministischen Freund*innen-Bubble. Bilder von verzweifelten Menschen an der griechisch-türkischen Grenze, verschwanden plötzlich unter Posts mit der Aufforderung strikten staatlichen Anweisungen zu folgen. Aus Gründen.

Um dies gleich auszubremsen: Vernunft und Solidarität gegenüber Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören sind unabdingbar. Es geht weder darum Verschwörungstheorien über Bill Gates Ego-Bestätigung oder abstruse Reichsbürger*innen-Fantasien zu befeuern noch darum eine kapitalistische Egoismus-Kultur zu stützen und zu Corona-Partys aufzurufen.

Es geht um Differenzierung. Um das Gegenteil von Einfach. Verständlicherweise ist das Bedürfnis nach einfachen, klaren Anweisungen in Krisen-Situationen besonders hoch, besonders wenn Dinge sich schnell entwickeln und die Konsequenzen hoch erscheinen, wenn nicht schnellstmöglich gehandelt wird. Begrüßt und gefordert wird ein schnelles, hartes Durchgreifen des Staates. Armin Laschet sagte dazu „Es geht um Leben und Tod – so einfach ist das.“ Ist es so einfach?

In den letzten Wochen wurden sowohl die europäischen als auch viele nationale Grenzen geschlossen, Versammlungen und Demonstrationen verboten, die Religionsausübung in Moscheen, Synagogen und Kirchen untersagt, die persönliche Bewegungsfreiheit wurde extrem eingeschränkt, Restaurants, Geschäfte und Kinos sind geschlossen. Vor der Schließung der Restaurants, wurden bei einem Besuch die persönlichen Daten aller Kund*innen aufgenommen um bei einem Infektionsfall alle Wege nachvollziehen zu können. Die Telekom stellt dem Robert-Koch Institut die Bewegungsdaten ihrer Kund*innen zur Verfügung. Unter einem Phoenix Post zu der Herausgabe dieser Daten, äußerte sich ein Facebook Nutzer besorgt über diesen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Daraufhin belehrte ihn eine andere Nutzerin: „Finde, es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sich über die Rettung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Gedanken zu machen. Wir müssen jetzt erstmal schauen, dass wir die Schwächeren vor den Unvernünftigen geschützt kriegen.“

Ist jetzt keine Zeit für Demokratie? Doch! Genau jetzt ist es unglaublich wichtig über eine freiheitlich-demokratische Grundordnung zu sprechen. Gerade jetzt ist ein gesellschaftlicher Diskurs über diese massiven Beschränkungen der Grundrechte von großer Wichtigkeit. Warum sprechen Linke in einem Tenor mit Markus Söder? Ist es die Angst vor den „Unvernünftigen“? Die Angst, dass sobald es kritische Äußerungen gibt, Menschen verunsichert werden könnten und sich nicht mehr an die Auflagen halten? Falls dies der Grund ist, darf es keiner sein. Die Angst Bürger*innen könnten sich durch einen kritischen Diskurs nicht mehr an die Regeln halten und deshalb zu schweigen, hat noch nie in eine gute Richtung geführt.

Die Angst vor dem Virus, vor der Kapitulation des Gesundheitssystems und der Bedrohung von Risikopatient*innen ist real. Und hinter dem Wort Risikopatient*innen stecken Menschen, Familienmitglieder, Freund*innen. Angst führt bekannterweise zu einem großen Bedürfnis nach Sicherheit. Aber größtmögliche Sicherheit wird die Angst nicht auflösen. Und Sicherheit steht immer in einem Spannungsverhältnis zu Freiheit. Es ist wichtig darüber zu sprechen und nicht aus Angst zu schweigen oder zu hoffen das staatliche Restriktionen das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigen.

Ein vermeintlich so einfaches #staythefuckhome blendet aus, dass dies nicht für alle Menschen so einfach ist. Es ist nicht einfach für Menschen, die in beengten Wohnungssituationen leben. In prekären oder gewalttätigen Beziehungen. Für wohnungslose Menschen. Für Menschen, die am Ende des Monats nicht genügend Geld zur Verfügung haben, um sich einen Monatsvorrat Lebensmittel und Klopapier in den Keller zu stopfen. Menschen mit psychischen Erkrankungen. Für Menschen die keinen Keller und kein Einfamilienhaus haben. Für all die Menschen die zusammen mit 15 weiteren bei Kälte in einem Zelt auf Lesbos schlafen. Die Angriffen und Anfeindungen von Rechtsradikalen ausgeliefert sind. Die nicht in einer warmen Wohnung mit Netflix Anschluss, kostenlosen Yoga-Apps und einer vollen Vorratskammer sitzen. Wo sich ein Corona Fall innerhalb von kürzester Zeit zu einer humanen Katastrophe auswachsen würde. Diese Menschen können nicht the fuck Zuhause bleiben. Weil sie keins haben.

Besonders in Zeiten in denen Grundrechte eingeschränkt werden und die vorherigen Möglichkeiten Protest zu äußern nicht möglich sind, ist es wichtig darüber zu sprechen und sich nicht von Angst erdrücken zu lassen. Wir können uns einschränken, darauf verzichten auf Konzerte oder ins Kino zu gehen, um die Ausbreitung einzuschränken. Niemals einschränken sollten wir das Recht auf Asyl und Unversehrtheit.

Und niemals Ausschalten sollten wir unseren Verstand und unser Mitgefühl. Gerade in Zeiten von kollektiver Angst ist dies fundamental, um anschließend nicht in einer noch unmenschlicheren Welt zu leben, als es vorher schon der Fall war.