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Erschöpfungszustände und Trumpismus – von individuell und global erkrankten Organismen

Die Welt leidet an COVID-19, Rechtspopulismus und Trumpismus. Seit vier Tagen verfolgt die Welt, oder zumindest der Teil der Welt, der die Charta der Menschenrechte für etwas Gutes hält, einen Show-Down zwischen „Gut“ und „Böse“. Es schwankt wie in einem epischen Fantasy-Blockbuster, die Bösen greifen an, die Guten preschen vor und dann sind sie gleichauf. Sicherlich, es ist nachvollziehbar, der Wunsch das es einen großen Showdown gibt in dem der gefährliche, lügen-erzählende, hassenswerte, sexistische Rassist, der es gerade durch diese Eigenschaften geschafft hat Präsident der USA zu werden, gestürzt wird. Am besten in den feurig-lodernden Höllenschlund, auf das er ihn dort für immer verschlinge und daraufhin das Gute den Sieg davontrage. Die Menschheit auf immer in Frieden, Respekt und Glückseligkeit leben mag. Ich muss zugeben, ich mag dieses Bild. Und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass Trump diese Wahl weder durch Stimmen gewinnt noch indem er Hebel einer Demokratie be-nutzt, um sie gegen sich selbst einzusetzen und diese am Ende zu zerstören.

Nur, es ist wie immer in einer komplexen Welt nicht so einfach. Die Welt ist ein erkrankter Organismus, der über viele Jahre erschöpft wurde. Durch globale, nationale und regionale soziale Ungleichheit, Rassismus, die immer noch nicht erreichte Gleichberechtigung aller Geschlechter, durch die Ausbeutung Vieler und die Gier Weniger. Durch eine systematische Zerstörung und Ausbeutung von Ressourcen, die Zerstörung natürlichen Lebensraums und das Voranschreiten des Aussterbens ganzer Tierarten. Die stetige Erwärmung des Klimas, die uns in den nächsten Jahrzehnten vor die größte globale Herausforderung der Menschheit stellen wird.

Von dem globalen, erkrankten Organismus zu der kleinsten Einheit. Zu einem Individuum irgendwo in Deutschland, mir selbst. Seit ungefähr 4 Wochen schleppe ich nun etwas mit mir herum. Ich fühle mich extrem schwach und habe angeschwollene Lymphknoten. Nein, es ist kein COVID-19 das habe bereits checken lassen und der Test war negativ. Immer wieder bäumt sich mein Körper auf, mein Immunsystem kämpft und ich denke, endlich, ich bin wieder gesund. Drei Tage später lieg ich dann da und es geht wieder los. Es fühlt sich an als würde mein Körper zwar dagegen kämpfen, aber immer wieder erschöpft loslassen, um es nach ein paar Tagen wieder zu versuchen. Mich beschleicht durchaus der Gedanke, dass mehr dahintersteckt.

Die letzten Monate waren intensiv und geprägt durch unterschiedliche alltägliche und außergewöhnliche Belastungen. Trotz allem ändert sich nichts an dem Anspruch weiter zu machen. Was wäre auch die Alternative? Wenn ich das Ganze Konstrukt ehrlich betrachte, geht das schon seit 15 Jahren so. Es gab immer wieder Wendepunkte, in denen ich Grundsätzliches verändert und neugestaltet habe. Trotzdem scheint es so als ob die Belastung, die Erschöpfung mich verfolgt und immer wieder findet. Ich sehe mich denken, dass es nun doch mal genug sein müsste. Das es doch Veränderungen gab, dass ich mir doch hier und da mal eine Auszeit genommen habe. Auch in meinem Umfeld gibt es ausgesprochene und unausgesprochene Meinungen zu meinem Zustand. Das reicht von „Du warst aber doch ne Woche in Dänemark, dass müsste doch reichen“ bis hin zu „Du musst jetzt mal was verändern, du hast zu viel Stress“.  Beides ist nicht falsch. Ja, ich war dann mal eine Woche in Dänemark. Aber wenn ich diese der Erschöpfung der letzten 15 Jahre und jedes neuen Tages entgegensetze ist diese Woche ein winziger Schluck kalte Cola im Glas einer Verdurstenden. Es lindert kurz das Verlangen, stillt aber bei weitem nicht den Durst.

Es bräuchte eine große Wasserkanne um den Zustand des Augetrocknet-Seins wirklich zu lindern und anschließend den Bau einer nachhaltigen Wassergewinnungsanlage. Die auch Wochen der Trockenheit übersteht, weil ihre Ressourcen eine Weile reichen. Und weil sie wieder aufgefüllt werden. Die Wasserkanne wäre in meinem Fall eine wirkliche, nennenswerte Auszeit, die dem Ausmaß der jahrelangen Erschöpfung und dem Überleben von Mini-Auszeit zu Mini-Auszeit gerecht wird. Es bräuchte außerdem eine Strategie, neue nachhaltige Ressourcen zu erschließen. Es bräuchte die Unterstützung und Solidarität von Anderen. Von Freund*innen, der Familie aber auch der Gesellschaft. Alleine ein Kind großzuziehen ist ungefähr so, wie vollkommen alleine eine große Wassergewinnungsanlage zu bauen und am Laufen zu halten, zu reparieren, zu erweitern und zu kontrollieren. Immer in dem Wissen das Andere von dieser Anlage abhängig sind. Das Ganze erfolgt aber unbezahlt, neben dem eigentlichen „Verdienst“ der Lohnarbeit oder dem Studium.  Dabei ist diese Anlage überlebenswichtig für eine ganze Gemeinschaft.

Zurück zum erkrankten Organismus der demokratischen Gesellschaften. Es braucht einen Bruch, eine richtige, ernstzunehmende Zeit der Erholung. Einen Bruch mit autoritären, rechtspopulistischen Parteien und Demagogen wie Donald Trump, Marine le Pen oder Björn Höcke. Das Gefühl von Hoffnung muss sich wieder etablieren. Die Trumpinfektiösen USA, aber auch die von Rechtspopulismus befallenen Demokratien in Europa brauchen Dinge wie den Sieg Bidens, als Erholung der letzten Jahre. Vielleicht braucht es symbolträchtige Ereignisse, damit Menschen wieder Kraft und Hoffnung schöpfen um weiter zu machen. Gleichzeitig reicht ein einfaches „Weitermachen“ aber eben nicht. Wir leben leider nicht in einem Fantasy-Roman in dem es damit getan ist den Dämon zu stürzen. Und der Höllenschlund verschluckt auch weder die Trump- noch die AfD-Anhänger und auch nicht die Leute, die versuchen die Pandemie und ihre Folgen durch lautes Schreien oder Anti-5G-Gong-Rituale zu vertreiben. Das geschieht vielleicht in besagten Filmen, weil die Erzählungen auf Gut gegen Böse beruhen, aber Gesellschaften sind weitaus komplexer und abstufungsreicher. Außerdem wäre das mysteriöse Verschwinden von Trump-Anhänger*innen definitiv keine wünschenswerte Option, denn es handelt sich auch hier um Menschen.

Bedingungen haben sich verändert. Viele Menschen profitieren von neuen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und Partizipation. Gleichzeitig verlieren Menschen ihre Jobs, leiden unter dem neuen Stressfaktor der ständigen Erreichbarkeit, fühlen sich erschlagen von der Komplexität vieler demokratischer Vorgänge, übergangen und abgehängt von einer weit entfernt scheinenden Elite. Rechtspopul- und Trumpismus hat diesen Menschen das Gefühl gegeben eine Stimme und Einfluss zu haben. Auch linke und links-liberale akademische Großstädter*innen sollten sich fragen, ob sie sich wirklich für die struggles von Leuten im ländlichen Sachsen oder Iowa interessiert hätten, wenn diese nicht durch Trump-Anhängerschaft und Hygiene-Demos auf sich aufmerksam gemacht hätten?

Unsere Gesellschaften brauchen positive Ereignisse die wieder Kraft und Hoffnung geben. Die Wahl Joe Bidens, die Black-Live-Matter Proteste, die weltweiten Fridays-for-Future Demos sind solche Hoffnungsträger. Gleichzeitig braucht es eine nachhaltige, grundsätzliche Veränderung und Anpassung unserer Gesellschaften. Einen Gegenentwurf, nicht nur ein Sturz des „Bösen“ und dann ein Weiter-wie-bisher. Dann werden demokratische Gesellschaften auf Dauer an Erschöpfung zugrunde gehen und der erkrankte Organismus hat keine Chance wieder gesund zu werden. Wir sollten aus der Pandemie und den Krisen der letzten Jahre lernen, sie als Chance begreifen. Lernen solidarisch zu sein, im ganz kleinen individuellen Raum und global. Wenn eine Person es nicht allein tragen muss ein Kind großzuziehen, dann schafft sie es Ressourcen aufzubauen für schlechte Zeiten. Dann gibt es Raum für gesellschaftliche Teilhabe, vielleicht schreibt diese Person ein Buch mit dem sie andere Menschen inspiriert? Oder sie kann anderen Trost spenden oder eine politische Reform voranbringen, die für mehr globale Gerechtigkeit sorgt oder sogar Völker miteinander versöhnt. Wir brauchen individuelle und gesellschaftliche Solidarität, eine radikal veränderte Sichtweise auf Care-Arbeit, ein bedingungsloses Grundeinkommen damit deutlich mehr Menschen die Möglichkeit haben ihr Leben selbstbestimmt zu leben. Wir brauchen andere, innovative Partizipationsmöglichkeiten an politischen Prozessen damit Menschen das Gefühl haben, dass sie Einfluss haben und nicht Die-da-Oben unkontrolliert über deren Leben entscheiden. Und damit zerstörerische, menschenfeindliche Kräfte keine Chance haben dieses Gefühl von Kontroll-Verlust für sich zu nutzen. Wir brauchen ein Umdenken in der Klima-Politik, damit alle Menschen die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft haben dürfen und sich die globale Ungleichheit nicht noch weiter verschärft.

Wenn ein individueller Körper oder auch ein erkrankter globaler Organismus nicht gesund wird, ist dies ein Hilfe-Schrei aber genauso eine Chance auf Veränderung. Vielleicht sollte ich im Kleinen anfangen darauf zu hören, meinem Körper die Chance geben gesund zu werden und mich um Veränderung bemühen, damit er es bleibt. Am Anfang steht immer der Wille etwas zu verändern und die Hoffnung darauf das Andere diesen Willen teilen und bereit sind solidarisch zu handeln. Auch wenn das bedeutet etwas von sich zu geben und geduldig zu sein. Von der Genesung des Individuums sowie globaler Organismen profitieren nicht nur alle Menschen, wir brauchen sie auch unbedingt, wenn wir nicht in wirklich dunkle Zeitalter zurückfallen wollen.

Mit dem Bollerwagen auf dem Weg zum Backlash

Ich bin wütend. Draußen scheint die Sonne und ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe an zwei Konzeptpapieren, weil ich die Abgabe dringend schaffen muss. Ich bin müde und mein Rücken tut mir weh, weil ich gestern Abend bis 22.30 noch die Spülmaschine eingeräumt und die Küche geputzt habe. Ich bin wütend, weil für mich heute kein freier „Kumpel-Sauf-Tag“ ist. Weil es seit der Corona Pandemie kaum noch freie Tage für mich gibt.

Heute ist sogenannter Vater- bzw. Herrentag. Dieser wunderbare eine Tag im Jahr, wo Männer noch so richtige „Männer“ sein dürfen. Wo Gruppen von (Cis-)Typen grölend mit Bollerwagen voller Bier und lauter Mucke durch die Straßen ziehen, in Beete kotzen, Frauen und Queers angepöbelt, sexistisch beleidigt und belästigt werden. Der Tag an dem sich viele meiner Freund*innen lieber Zuhause verkriechen und besonders in den Abendstunden die Sauf-Hotspots meiden. Also eigentlich jede Form von Öffentlichkeit.

Ja, es gelten nach wie vor Restriktionen aufgrund der COVID-19 Pandemie und das könnte ein bisschen Hoffnung geben, dass die Eskalationen dieses Jahr nicht ganz so extrem sind. Wenigstens ein kleiner positiver Nebeneffekt. Apropos Nebeneffekt. Durch die Corona-Krise haben sich ganz neue Dimensionen von Care-Arbeit aufgetan, Kinder müssen nun Zuhause beschult, bekocht und seelisch versorgt werden. Ihnen fehlen ihre Freund*innen, es entstehen Ängste und Langeweile, Sport und Freizeitbeschäftigungen sind plötzlich weggefallen. Die Haushalts-Arbeit hat sich deutlich erhöht, da immer Alle Zuhause sind. Und „nebenbei“ müssen viele Menschen noch ihrer Lohnarbeit nachgehen. Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass es überwiegend Frauen sind, die diese zusätzliche Fürsorgearbeit übernehmen, Alleinerziehende sind dementsprechend besonders belastet. Aber auch in heterosexuellen Paarbeziehungen zeichnet sich ein Prozess der Re-Traditionalisierung seit der Corona-Krise ab. Frauen haben beispielsweise deutlich häufiger als Männer ihre Arbeitszeit reduziert, um sich während der Schul- und Kitaschließungen um die Kinder kümmern zu können. Da es höchstwahrscheinlich längerfristige wirtschaftliche Auswirkungen durch die Corona-Pandemie geben wird, ist nicht klar ob sich die Arbeitszeiten anschließend wieder erhöhen lassen, was die Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern verstärken würde.

Vor diesem Hintergrund: Was für eine bittere Ironie, dass trotz dieser immensen Mehrfachbelastung von Müttern, heute der Bollerwagen-Sauf-Vatertag gefeiert wird?

Nun könnte man sagen, ach was, das ist doch nicht sexistisch, lass doch den Männern ihren Spaß und überhaupt es gibt ja auch einen Muttertag. Korrekt. Nur das die Mutter an diesem Tag ein paar Blumen und Schokolade bekommt und der Tag traditionell im Privaten stattfindet. Der Muttertag wird zuhause mit den Kindern verbracht und die Mutter bekommt im Besten Fall ein Frühstück ans Bett, im schlechtesten Fall darf sie danach die Küche aufräumen. Ein märchenhaftes Abbild stereotyper Geschlechterrollen.

Wenn man unsicher ist, ob eine Situation oder Handlung sexistisch ist, hilft es diese einfach mal umzudrehen. Wirkt dieselbe Situation absurd, lächerlich oder undenkbar, ist dies ein starker Sexismus-Indikator. Ein veranschaulichendes Beispiel hierfür ist der Kurzfilm Majorité Oppremée von Eleonore Pourriat. Dieser Umkehrtest ist übrigens auch auf alle anderen Diskriminierungsformen wie bspw. Rassismus, Homo- oder Trans*feindlichkeit anzuwenden.

Machen wir also ein kleines Gedankenexperiment. Stellt euch vor es ist Muttertag und überall begegnen euch betrunkene Frauen, die mit schlackernden nackten Brüsten laut grölend durch die Straßen ziehen. Sie haben Bollerwagen voller Bier und Grillfleisch dabei und aus einer Box dröhnen Songs, in denen es darum geht, Männer zu erniedrigen und un-einvernehmlichen Sex mit ihnen zu haben.  Die Sonne scheint und alle haben Spaß. Während die eine in ein Blumenbeet kotzt, rufen die anderen einem vorbeigehenden Mann in kurzen Hosen „geiler Arsch!“ hinterher und als er nicht reagiert, wird er von ihnen beleidigt und als prüde bezeichnet. Am Abend treffen sich einige Frauengruppen im Stadtpark, wo es durch einen beträchtlichen Alkoholpegel und einige Sonnenstiche zu einer Massenschlägerei kommt. Während die Frauen sich den ganzen Tag volllaufen lassen und die Innenstädte unsicher machen, kümmern sich die Väter Zuhause um die Kinder, kochen, putzen die Wohnung und dürfen zur Belohnung am späten Abend ihre alkoholisierten, stinkenden Frauen in Empfang nehmen. Irgendwie unrealistisch?

Vor Corona war bestimmt nicht alles rosig. Aber es darf nicht sein, dass wir nun einen gewaltigen Backlash erleben und sich Ungleichheiten noch mehr verstärken. Es ist gerade besonders schwierig, die Zeit zu finden sich mit dieser Ungleichheit auseinanderzusetzen. Wer sowieso schon müde und erschöpft ist, hat kaum die Kraft und die Zeit sich zu organisieren. Die Isolation und der fehlende Austausch tut sein Übriges. Ich habe diesen Text letzte Nacht fertig geschrieben, weil mir vorher einfach die Zeit fehlte. Aber die Wut über diese Ungerechtigkeiten hat mich wachgehalten. Ich wünsche mir, dass viele wütende Frauen, Queers und Mütter mit virtuellen Bollerwagen durch das Internet ziehen, sich vernetzen, bestärken und sich weigern diese Rollenbilder zu akzeptieren.

Das Private ist politisch! Warum Feminismus systemrelevant ist.

Der feministische Slogan „Das Private ist politisch!“ ist nach wie vor aktuell. Die Corona-Krise zeigt dies in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite gibt es stärkere Eingriffe des Staates in private Bereiche und eine massive Einschränkung der Grundrechte. Seit einigen Wochen dürfen sich Personen nur noch zu zweit in der Öffentlichkeit aufhalten, bzw. mit Menschen, die im eigenen Haushalt leben. Dies führt dazu das von der Norm abweichende Familien- und Lebensmodelle noch stärker hinterfragt und diskriminiert werden. Demonstrationen werden durch die Aufhebung der Versammlungsfreiheit mit Begründung des Seuchenschutzes fast vollständig unterbunden. Die Möglichkeit auf prekäre Lebensverhältnisse und Ungleichheit aufmerksam zu machen, ist damit deutlich erschwert.

Auf der anderen Seite gibt es durch die Corona-Maßnahmen einen starken Rückzug in „Private“. Doch so flauschig wie Merkel es beschreibt, das Familien gemeinsam Zeit verbringen und Podcasts für ihre Großeltern aufnehmen, ist es bei weitem nicht für alle Menschen. In erster Linie wird hier das Bild einer Klein- und Kernfamilie vermittelt, die ausreichend Platz und Geld für Vorräte hat, gemeinsam in einem Haushalt lebt und im Besten Fall noch über eine große Wohnung oder ein Haus mit Garten verfügt. Da kann man es sich ja mal eine Weile gemütlich machen. Hiervon abweichende Familien Konstrukte oder Menschen die in prekären Lebensumgebungen leben, werden hier einfach ausgeblendet. Der verordnete Rückzug ins Private bedeutet auch, dass Menschen die von häuslicher Gewalt und Missbrauch betroffen sind, diesem noch isolierter ausgeliefert sind als vorher. Vergangene Woche gab es einen Anstieg von 17,5 % der Anrufe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“[1].

Ein weiterer Punkt ist die bezahlte und unbezahlte Fürsorge-Arbeit, die sich seit der Corona-Krise deutlich erhöht hat. Care-Arbeitende in Altenheimen und Krankenhäusern werden zurzeit besonders gefordert und gebraucht. Zumindest gibt es hierfür gerade ein bisschen mediale Aufmerksamkeit, wenn diese aber nicht anhält und sich schlechte Bezahlung und erschöpfende Arbeitsbedingungen nicht ändern, ist damit auch niemandem geholfen. Personen die Kinder haben, sind ebenfalls besonders belastet. Da alle Schulen und Kitas geschlossen sind, müssen die Kinder zuhause betreut, versorgt, beschult und bespaßt werden. Häufig zusätzlich zur Lohnarbeit. Der Gender-Care Gap betrug im letzten Jahr 52,4 %[2], das bedeutet Frauen[3] wenden im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Zeit auf um sich um Kinderbetreuung, Hausarbeit und die Pflege von Angehörigen zu kümmern. Durch die Schließung von Schulen und Kitas, wird sich dieser nun sicherlich um weitere Prozentpunkte erhöhen.

Die meisten feministischen Bewegungen, versuchten der Vereinzelung von Frauen und Queers entgegenzuwirken. Demos zu veranstalten, laut und wütend auf diese Missstände aufmerksam zu machen, ist zurzeit nicht möglich, obwohl wir es gerade jetzt so dringend bräuchten. Es gibt keine Orte, an denen wir uns treffen können, uns austauschen, trösten und Kraft zusprechen. Es gibt keine FLINT[4] Räume, in denen wir uns ausprobieren und trauen können, gemeinsam lachen und wütend sein. Es gibt keine LaDIYfeste bei denen wir uns gegenseitig etwas beibringen können und keine Take-Back-The-Night und Walpurgisnacht Demos gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus.

Es ist so wichtig, dass diese Kämpfe und Themen nicht untergehen. Auch wenn die „WerteUnion“[5] das anders sieht, Feminismus und Gender Studies sind genauso systemrelevant wie Medizin, Chemie und Biologie. (Queer-)feministische Inititativen geben Menschen eine Stimme, sie bieten Hilfe, Unterstützung und Empowerment für Frauen und Queers die Gewalt und Diskriminierungen erlebt haben. Sie schaffen Räume in denen Menschen mutig sein können und sich gegenseitig bestärken.

Sie kämpfen für eine Gesellschaft, in der Menschen frei von Rollenbildern leben können. In der es nicht nur fürsorgliche Prinzessinnen und starke, gewalttätige Ritter gibt. In der im besten Fall das Geschlecht keine Rolle mehr spielt oder eine Vielfalt von Geschlechtern die Norm ist. Gesellschaftliche Veränderungen für mehr Gleichberechtigung, gegen sexualisierte Gewalt und den Abbau von Diskriminierungen brauchen Räume und Initiativen, in denen wir uns zusammenschließen und an neuen Gesellschaftsentwürfen basteln können.

Wir dürfen uns nicht vereinzeln lassen. Lasst uns Wege finden, um füreinander da zu sein, auf sexistische Scheisse und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Und einen besonderen Blick auf diejenigen zu haben, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind. Die noch stärker isoliert sind, weil sie zur Risikogruppe gehören, von Gewalt betroffen sind, kein Zuhause haben, in Geflüchteten Unterkünften leben, jetzt noch mehr Care-Arbeit leisten oder unter psychischen Erkrankungen leiden.

Feminismus ist systemrelevant. Besonders in Zeiten in denen das System kränkelt.


[1] https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/haeusliche-gewalt-hilfetelefon-100.html

[2] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294

[3] Leider werden bei statistischen Erhebungen nach wie vor hauptsächlich die binären Kategorien „Mann“ und „Frau“ abgefragt, dass heißt Personen die sich diesen Kategorien nicht zuordnen, kommen hier nicht vor. Hier braucht es unbedingt ein Umdenken in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen.

[4] FrauenLesbenInterNon-BinaryTrans

[5] https://twitter.com/werteunion/status/1243624037475135488