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Jetzt erst recht(s)!?

Die Prognosen ließen es bereits erahnen. Aber als Sonntagabend verkündet wurde, dass die AfD mit knapp 13 % [1] in den Bundestag einziehen wird, traf es mich doch wie ein Schlag.

Das wirklich knapp 6 Millionen Menschen[2] in Deutschland eine Partei gewählt haben die rechtsradikale, menschenverachtende Parolen verbreiten, die Feuer legen und Hass schüren ohne einen Funken Mitgefühl oder Verantwortung zu zeigen. Und inzwischen kann dies auch keiner mehr leugnen!

Hohe Parteimitglieder haben sich ganz klar in der Öffentlichkeit positioniert mit Aussagen von Alice Weidel, „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“[3], Björn Höcke spricht in seiner Rede in Dresden[4] von einem „Denkmal der Schande“ und meint das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Er spricht von einer „dämlichen Bewältigungskultur“ und davon das Deutschland einen „vollständigen Sieg“ der AfD brauche. Das diese Rhetorik an den sogenannten „totalen Krieg“ erinnert, soll wohl auch kein Zufall sein. Am Ende seiner Rede spricht er noch über die Bombardierungen Dresdens, er sagt:“ Wir sollten ausgelöscht werden. Und mit der systematischen Umerziehung nach 1945 habe man das auch fast geschafft.

Besonders erschreckend, war auch die Reaktion Alexander Gaulands auf das Wahlergebnis der AfD. Er sagte „Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen. Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“[5]

Es gibt nicht länger die Möglichkeit zu sagen „Das haben wir nicht gewusst.“ Es gibt viele Möglichkeiten sich zu informieren, und wenn nun von den Verwaschungen der „Lügenpresse“ gesprochen wird, ist auch dies keine Ausrede mehr. Die Mitschnitte der genannten Reden findet man (größtenteils von AfD-Anhängern selbst in Netz gestellt) auf youtube. Dort kann man sich persönlich von den Aussagen einiger Spitzenkandidat_innen überzeugen.

Meine erste Reaktion war Erschütterung. Ich habe mich schon seit ich denken kann mit der Entstehung des Nationalsozialismus und seinem grausamen Ausmaß beschäftigt. Und obwohl mir die Mechanismen, die besagen das es eben nicht unmöglich ist das sich die Geschichte wiederholt bekannt sind, war dies für mich praktisch undenkbar. In den 80er Jahren geboren, aufgewachsen in den 90er Jahren des Wohlstandes und einer „heilen“ Welt, zumindest war dies meine Wahrnehmung.

Die Rhetorik der AfD, die Pegida Aufmärsche und nun das Ergebnis der Bundestagswahl lassen mich erschaudern und ich frage mich ob nun die Zeit der „Undenkbarkeit“ vorbei ist. Aber ich merke das sich noch etwas anderes regt. Es ist die Überzeugung mich dem entgegenstellen zu wollen, es ist Wut die sich in Tatendrang verwandelt, Stärke und Ressourcen die mein Rückgrat wachsen lassen. Ich engagiere mich bereits gegen Rassismus und Sexismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen und anstatt zu verzweifeln wächst in mir ein „Jetzt erst recht!“.

Ich werde mich diesem Rechtsruck in unserer Gesellschaft entgegenstellen und einer Partei wie der AfD und ihrer Rhetorik wiedersprechen. Und damit meine ich nicht es den sogenannten „Wutbürgern“ gleichzutun, zu schreien und die Schuld nur bei den Anderen zu suchen.

Denn wenn man versucht Hass mit Hass zu bekämpfen, entsteht Krieg. Und Krieg bedeutet die Kapitulation vor der Menschlichkeit.

Ich werde mich fragen, ob wir es uns vielleicht etwas zu bequem gemacht haben in der dahinplätschernden Demokratie der letzten Jahre. Meine Generation ist in eine Selbstverständlichkeit des Friedens geboren, Politik und Geschichte fanden die meisten meiner Freund_innen eher langweilig und uninteressant.

Aber es betrifft uns. Jede Person wird betroffen sein, wenn sich der Hass, das Misstrauen und die Menschenverachtung wieder ausbreitet. Und ja, es ist möglich und es geht schneller als ihr denkt! Ergreift eure Chance, setzt euch ein für Frieden, für eine offene und gerechte Gesellschaft. Es gibt so viele Möglichkeiten dies zu tun, diskutiert mit euren Familien und Freunden, schreibt darüber, engagiert auch in einem Projekt, werdet sichtbar!

Ja, es sind definitiv 12,6 % zu viele Stimmen die die AfD bekommen hat. Aber anscheinend haben 87,4 % der Wahlberechtigten sich dagegen entschieden. Und ja, auch nicht zu wählen ist eine Entscheidung, wenn auch keine besonders gute.

Aber nun haben wir 4 Jahre Zeit, um sie nicht größer werden zu lassen. Und das bedeutet Überzeugungsarbeit. Den Wert einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft wieder schätzen zu lernen, uns für ein offenes Miteinander einzusetzen und Neues kennenzulernen. Und ja, es gibt auch viele Punkte die mir nicht gefallen, in denen ich besonders der CDU/CSU und der FDP in ihren Wahlprogrammen wiederspreche. Aber nur zu meckern und aus Hilflosigkeit eine rechte Partei zu wählen, die uns im Falle einer Regierung alle in den Abgrund reißen würde, kann keine nachhaltige Möglichkeit sein.

Die SPD geht in die Opposition, ich finde eine absolut richtige Entscheidung. Vielleicht verändert dies bei vielen das Gefühl, dass es nicht nur „die da oben“ gibt, sondern dass es klar differenzierte Positionen gibt. Vielleicht braucht es auch im Politikbetrieb mehr Klarheit und Verständlichkeit damit es auch „dort unten“ ankommt.

Ich denke diese Ergebnisse können auch eine Chance sein. Eine Chance für Umbrüche, für ein offenes Europa und eine offene Gesellschaft. Vielleicht hilft dieser Schock, uns darüber klar zu werden in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Und das Nationalismus und Abschottung langfristig zu unglaublich viel Leid und Zerstörung führen. Rechtsnationale Politik in unseren Parlamenten darf keine Normalität werden.

Ergreifen wir diese Chance, bevor es die Falschen tun.

[1] Erste Hochrechnungen, inzwischen 12,6 %
[2] Bei  61,5 Millionen Wahlbeteiligten und einer Wahlbeteiligung von 75,6 %
[3] Alice Weidel, Bundesparteitag der AfD in Köln, 22./23. April 2017
[4] shz.de, 18.1.2017, https://www.shz.de/deutschland-welt/politik/protokoll-einer-rede-bjoern-hoecke-der-brandstifter-id15869041.html außerdem die Rede in voller Länge: https://www.youtube.com/watch?v=WWwy4cYRFls
[5]Tagesschau, https://www.facebook.com/tagesschau/videos/10155860436214407/