Selbsternannte Moral-Sheriffs und besorgte Bürger*innen

Seitdem es die ersten Fälle von COVID-19 in Deutschland gab, ist das Bedürfnis nach Sicherheit und staatlichen Restriktionen zur Regelung der Situation groß. Eine Forsa Umfrage vom 30. März 2020 ergab, dass 88 % der Befragten mit den Ausgangsbeschränkungen einverstanden sind, mehr als die Hälfte der befragten Personen wünschten sich schärfere Beschränkungen. Und gleichzeitig lässt sich ein weiteres Phänomen beobachten. Das bundesweite Aufploppen der selbsternannten Moral-Sheriffs.

Sobald es einen Post zum Thema Klopapier, Ausgangssperren oder über den Tag einer Supermarkt-Verkäufer*in gibt, sind sie zur Stelle. Sie ergießen sich in den Kommentarspalten darüber, wie außerordentlich korrekt sie sich an die Regeln halten und beschreiben bis ins Detail wie dies von statten geht. Es gibt Zentimeter Angaben über den Abstand den ihre Kinder zu anderen Passant*innen gehalten haben und einen minutiösen Bericht über die Zeit die sie sich an der frischen Luft aufgehalten haben. Genauso intensiv wird sich auch mit dem Verhalten anderer Menschen auseinandergesetzt.

Sie regen sich furchtbar über die ganzen bösen Klopapier-Sünder*innen auf, erheben Ärzt*innen zu „unsere Helden in weiß“, steigern sich in Gewaltfantasien gegenüber verantwortungslosen Gruppen von jungen Menschen die Coronas Partys feiern hinein und suhlen sich in ihren Autoritätsfantasien. Es wird von Polizei-Einsätzen zur Auflösung von Garagen-Feiern berichtet, nachdem besorgte Bürger*innen diese gemeldet hatten. Der wachsame Nachbar bekommt hier wieder Hochkonjunktur.

Vor ein paar Tagen gab es einen KN-Artikel über Polizei-Patrouillen, die „schwerpunktmäßig“ am Kieler Hauptbahnhof, sowie in den Stadtteilen Gaarden und Mettenhof stattfinden sollten. Die implizite Unterstellung, Menschen in diesen Stadtteilen müssten besonders kontrolliert werden ist schon mehr als fragwürdig. In den Kommentaren reihten sich allerdings Forderungen aneinander, wo die Polizei doch auch mal dringend vorbeischauen sollte. Eine Facebook-Nutzerin schrieb: „Bitte auch an den Stränden!“ Sie habe dort beobachtet, wie sich zwei junge Mütter mit ihren Kindern auf dem Parkplatz zum Spazieren gehen getroffen hätten und dort eine Fünf-köpfige Familie über drei Generationen unterwegs war. Keiner der Personen hätte den Mindestabstand zueinander eingehalten.

Eine Freundin meiner Schwester ist mit ihrem Freund schon nach Bekanntwerden von ersten Corona-Fällen in das Ferienhaus von Freunden gefahren, um ihn vor einer Ansteckung zu schützen. Ihr Freund hat eine Immun-Erkrankung und gehört somit zur Risiko-Gruppe. Als die Einreise-Beschränkungen nach Schleswig-Holstein wirksam wurden, bekamen sie den Hinweis von einem Bauern, Einwohner*innen hätten das Ordnungsamt informiert, da vor dem Haus ein Auto mit einem fremden Kennzeichen stünde. Sie sollten doch lieber schnell verschwinden. In einer Nacht-und-Nebel Aktion haben sie dies dann auch getan, da sie Angst hatten eine hohe Strafe zahlen zu müssen.

In einigen Orten in Schleswig-Holstein bekommen Autos mit „ortsfremden“ Kennzeichen Hass-Zettelchen unter die Scheibenwischer gesteckt mit Texten wie „Verlassen Sie den Strand und kehren Sie an Ihren gemeldeten Wohnsitz zurück! Sie sind hier unerwünscht!“ Unabhängig davon, dass dies zum Teil faktischer Quatsch ist, da Menschen inzwischen ihr Kennzeichen behalten können, wenn sie umziehen, dreht sich mir noch aus einem anderen Grund der Magen um, wenn ich solche Zettel lese. Wenn schon Menschen die aus einem anderen Bundesland Hass-Zettelchen zugesteckt werden, diese als die „Anderen“ empfunden werden die in „unserem“ Bundesland nichts zu suchen haben, was passiert dann mit Menschen die als vermeintlich noch „fremder“ wahrgenommen werden?  

Sich selbst als moralisch einwandfrei zu erheben indem man sich von Klopapier-Sündiger*innen abgrenzt, das verwerfliche Verhalten anderer zu dokumentieren und mit hämischen Ausführungen von Autoritäts-Fantasien um sich zu werfen ist eine Möglichkeit mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Es gibt aber auch Alternativen um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erlangen und mit Hilflosigkeit umzugehen. Verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Risikogruppen, indem man auf Corona-Partys verzichtet, Kontakte einschränkt und dem Drang noch eine Packung Klopapier zu kaufen zu widerstehen. Mitgefühl zu zeigen, gegenüber Menschen die nicht so einfach zuhause bleiben können. Sich für die Aufnahme der Geflüchteten auf den griechischen Inseln einzusetzen. Sich auch nach der Corona-Krise für bessere Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal und Verkäufer*innen einzusetzen. Vorschnelle Verurteilungen von Verhaltensweisen zu hinterfragen. Aufmerksam zu sein in Situationen die wirklich scheisse sind. Den Mund aufzumachen, wenn eine Kollegin mal wieder einen sexistischen Spruch abbekommt. Wenn eine Person gefragt wird „wo sie denn wirklich herkommt“. Wenn eine Trans-Frau auf der Straße angepöbelt wird oder beim Familienfest darüber sinniert wird, Deutschland können ja nun wirklich nicht noch mehr Geflüchtete aufnehmen. In solchen Situationen nicht wegzuschauen gibt auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ohne bitteren Beigeschmack. Es kann nachhaltig zu einer offeneren, mitfühlenden Gesellschaft führen. Und es hilft gegen Wut-Magengeschwüre.

Von Basilikum-Töpfen und Solidarität

Im Zuge der Maßnahmen zu Eindämmung des COVID-19 Virus rufen Politiker*innen aus den unterschiedlichen Parteien und Führungsebenen in Deutschland dazu auf: Solidarität. Die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, der deutsche Ethikrat, das Goettinger Tageblatt und selbst die Bildzeitung titelt: „Corona als Moralprobe – Darum müssen wir jetzt solidarisch sein.“ Natürlich fettgedruckt und mit einer Klopapier-beladenen Person im Header-Bild.   

Es wird dazu aufgerufen Solidarität zu zeigen mit alten Menschen, Risikopatient*innen und mit allen Menschen die Klopapier benötigen. Daran ist erst mal nichts verkehrt. Solidarität mit anderen Menschen zu fordern in einer stark individualisierten, neoliberalen Gesellschaft ist sicherlich schon eine Herausforderung.

Um Solidarität mit Pflegepersonal, Ärzt*innen und Verkäufer*innen zu zeigen, werden Balkon-Klatsch-Aktionen organisiert. Als ich von diesen Klatsch-Aktionen las, kamen mir die Bahnhof-Klatsch-Aktionen von 2015 in den Sinn, bei denen Geflüchtete an Bahnhöfen durch Reihen von klatschenden Bürger*innen begrüßt wurden um ihnen zu zeigen das sie in Deutschland willkommen seien. Daraus erwuchs das Wort „Willkommenskultur“ in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ von 2015.

Im Zusammenhang der darauffolgenden Entwicklungen, musste ich an Basilikum denken. Wenn ich einkaufen gehe, lasse ich mich regelmäßig von prall-duftenden Basilikum-Töpfen verführen. Sie sehen so saftig aus und leuchten knall-grün über den Tomatenkisten. Es entzückt mich, wie toll sich dieser prächtige Basilikum-Topf zwischen dem Olivenöl und der Küchenrolle in meine Küchenlandschaft einfügt. Und jedes Mal bin ich enttäuscht, wenn er nach einer Woche eingegangen ist. Meine Freundin schimpft immer ein bisschen über diese Impulskäufe, mit dem Hinweis, ich solle doch lieber selbst Basilikum aussähen. Das sei viel nachhaltiger, die Supermarkttöpfe im Gewächshaus schnell hochgezüchtet, um kurz prall und saftig auszusehen, damit Menschen sie kaufen.

Vielleicht hat sie Recht. Vielleicht wäre es gut, mein Bedürfnis nach einem schnellen Kauf mit einem sichtbaren, sofortigen, aber sehr kurzlebigen Ergebnis zu überdenken. Klar, es kostet Zeit und Mühe selbst zu sähen, zu gießen, zu düngen und man braucht Geduld. Und dass meine Pflanze keine Blattläuse bekommt, kann sie mir auch nicht versprechen. Aber die Pflänzchen haben mehr Platz zum Wachsen und durch Zeit und Pflege bleiben sie robuster und leben deutlich länger als mein Gewächshaus-Topf.

Wenn Videos von klatschenden Menschen auf Balkonen oder Bahnhöfen viral gehen, ist das wie mit meinem Basilikum-Topf. Eine schillernde, aber sehr kurzlebige Aktion. Um dies nicht misszuverstehen: Klatschen kann ein Anfang sein, um Sichtbarkeit für prekäre Arbeits- und Lebenssituationen zu schaffen. Klatschen ist besser als Hetze. Aber wenn die Sichtbarkeit nach der Klatsch-Aktion auf dem Kompost landet ist das Ganze wenig hilfreich. Wenn auf eine Zeit der „Willkommenskultur“ der Aufstieg einer rechten Partei folgt, bekommt das Ganze einen sehr bitteren Geschmack.

Auf die prekäre Arbeitssituation von Pflegepersonal und Verkäufer*innen aufmerksam zu machen ist ein erster und notwendiger Schritt. Aber es ist nötig Mühe und Geduld aufzubringen. Sich nachhaltig für bessere Arbeitsbedingungen, eine wertschätzende Bezahlung und gegen eine Privatisierung des Gesundheitssystems einzusetzen. Die Arbeitssituation der Menschen in diesen aktuell als systemrelevant erkannten Berufen auch nach Corona nicht zu vergessen. Denn sonst wird das Klatschen vom Balkon zu einer hohlen, zynischen Handlung.

Es gibt bereits Forderungen für nachhaltige Veränderungen, besonders im Care-Bereich, auch über die Corona-Krise hinaus. In ihrer feministischen Analyse zur Corona-Krise fordert Dominique Just zur Bewältigung der Corona-Krise und für eine geschlechtergerechte Post-Corona-Welt eine umfassende Care-Revolution. Durch eine grundlegende Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie bessere Elternzeitregelungen, rechtliche Sicherheit für alternative Familienmodelle und Einkommensgleichheit. Sie betont die Notwendigkeit einer radikalen Verbesserung der Arbeitsbedingungen für bezahlte Care-Arbeitende, ein bedingungsloses Grundeinkommen über die Corona-Krise hinaus und eine Ökonomie der (Vor-)Sorge, in der die Bedürfnisse von Menschen im Zentrum stehen.

Wenn nun der Bundespräsident oder die Kanzlerin zu Solidarität aufruft, was ist damit eigentlich gemeint?   

Die Sozialwissenschaften unterscheiden den Begriff der Solidarität grob in universalistische und partikularistische Ansätze. Universalistische Ansätze betonen eine Form der globalen Solidarität, also ein Zusammengehörigkeitsgefühl und ein gegenseitiges füreinander Einstehen aufgrund des geteilten Menschseins. Partikularistische Ansätze betonen hingegen die Exklusivität der Solidarität gegenüber Menschen mit denen wir spezifische Gemeinsamkeiten haben, mit denen wir eine Geschichte, Überzeugungen und Interessen teilen. Exklusivität bedeutet hier, dass wir diese Solidarität nur Gruppen gegenüber empfinden die uns ähnlich sind und nicht gegenüber den Gruppen von Menschen die wir als „anders“ bezeichnen. Also praktisch eine Abgrenzung in „Wir“ und „Die Anderen“. Vertreter*innen dieser partikularistischen Ansätze kritisieren, dass bei universalistischen Ansätzen die sich „nur“ auf das geteilte Menschsein beziehen die Motivation fehle, Menschen überfordert wären und Hilfsbereitschaft hierdurch abgeschwächt wird.

Wenn nun von Politiker*innen zu Solidarität aufgerufen wird, in sozialen Medien von „unseren Helden in Weiß“ gesprochen wird, beziehen sich diese Aussagen auf ein partikularistisches Verständnis von Solidarität. Solidarität innerhalb einer Nation, eines Wirtschafts- und Gesundheitssystems, höchstens noch auf EU-Ebene. Dieses Berufen auf ein „Wir“, auf unser Pflegepersonal und unsere Krankenhäuser mag dabei helfen, Menschen dazu zu animieren sich an die Regeln zu halten. Für ein höheres Ziel, die Rettung unserer Gesellschaft, sind Menschen durch diese Form der Identifikation bereit sich einzuschränken. Nur hat diese Bezeichnung als ein „Wir“ auch eine prekäre Schattenseite. Die automatische Abgrenzung zu den „Anderen“.

Und diese „Anderen“ sitzen gerade auf Lesbos, an der türkisch-griechischen Grenze bzw. inzwischen in Abschiebelagern im Landesinneren der Türkei. Sie leben dort in unmenschlichen Zuständen, es gibt keine Möglichkeit Abstand zu halten, keine nennenswerte medizinische Versorgung, sie sind Hunger und Kälte ausgeliefert, hier bekommt die Einschränkung der Bewegungsfreiheit eine ganz andere Dimension. Durch die Corona-Krise ist Deutschland und Europa so sehr mit dem „Wir“ beschäftigt, dass Solidarität mit diese „Anderen“ keinen Raum mehr findet.

Wenn es laut dieser Kritik an einem universalistischen Solidaritätsverständnis nicht ausreicht Solidarität aufgrund des Menschseins zu zeigen, ist es vielleicht nötig sich auf die Suche nach Ähnlichkeiten zu begeben, um Mitgefühl und aktives Handeln anzustoßen. Sich bewusst zu machen, dass diese Menschen ebenfalls Kinder haben, Großeltern, Liebesbeziehungen. „Wir“ teilen mit ihnen das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Zukunftsperspektiven, nach Lebensfreude und Anerkennung. Solidarität sollte sich nicht nur auf das vermeintliche „Wir“ in Form einer Nation beschränken. Wir leben nun mal in einer globalisierten Welt. Deutschland profitiert in einem besonderen Maße davon und dies bringt Verantwortung mit sich. Wir brauchen sowohl eine globale Form der Solidarität als auch eine nachhaltige. Das Klatschen für Pflegepersonal, Verkäufer*innen und alle anderen bezahlten und unbezahlten Care-Arbeitenden darf nicht einfach verhallen. Darauf folgen muss eine gesellschaftliche Diskussion über die Veränderung prekärer Arbeitsverhältnisse, eine angemessene Entlohnung und Verteilung von Care-Arbeit, sowie Verantwortung und Solidarität mit Geflüchteten.

(K)eine Zeit für Demokratie?

Als die ersten #staythefuckhome in meinen Newsfeed flatterten, wurde ich doch aufmerksam, denn sie kamen von Menschen aus meiner links-feministischen Freund*innen-Bubble. Bilder von verzweifelten Menschen an der griechisch-türkischen Grenze, verschwanden plötzlich unter Posts mit der Aufforderung strikten staatlichen Anweisungen zu folgen. Aus Gründen.

Um dies gleich auszubremsen: Vernunft und Solidarität gegenüber Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören sind unabdingbar. Es geht weder darum Verschwörungstheorien über Bill Gates Ego-Bestätigung oder abstruse Reichsbürger*innen-Fantasien zu befeuern noch darum eine kapitalistische Egoismus-Kultur zu stützen und zu Corona-Partys aufzurufen.

Es geht um Differenzierung. Um das Gegenteil von Einfach. Verständlicherweise ist das Bedürfnis nach einfachen, klaren Anweisungen in Krisen-Situationen besonders hoch, besonders wenn Dinge sich schnell entwickeln und die Konsequenzen hoch erscheinen, wenn nicht schnellstmöglich gehandelt wird. Begrüßt und gefordert wird ein schnelles, hartes Durchgreifen des Staates. Armin Laschet sagte dazu „Es geht um Leben und Tod – so einfach ist das.“ Ist es so einfach?

In den letzten Wochen wurden sowohl die europäischen als auch viele nationale Grenzen geschlossen, Versammlungen und Demonstrationen verboten, die Religionsausübung in Moscheen, Synagogen und Kirchen untersagt, die persönliche Bewegungsfreiheit wurde extrem eingeschränkt, Restaurants, Geschäfte und Kinos sind geschlossen. Vor der Schließung der Restaurants, wurden bei einem Besuch die persönlichen Daten aller Kund*innen aufgenommen um bei einem Infektionsfall alle Wege nachvollziehen zu können. Die Telekom stellt dem Robert-Koch Institut die Bewegungsdaten ihrer Kund*innen zur Verfügung. Unter einem Phoenix Post zu der Herausgabe dieser Daten, äußerte sich ein Facebook Nutzer besorgt über diesen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Daraufhin belehrte ihn eine andere Nutzerin: „Finde, es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sich über die Rettung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Gedanken zu machen. Wir müssen jetzt erstmal schauen, dass wir die Schwächeren vor den Unvernünftigen geschützt kriegen.“

Ist jetzt keine Zeit für Demokratie? Doch! Genau jetzt ist es unglaublich wichtig über eine freiheitlich-demokratische Grundordnung zu sprechen. Gerade jetzt ist ein gesellschaftlicher Diskurs über diese massiven Beschränkungen der Grundrechte von großer Wichtigkeit. Warum sprechen Linke in einem Tenor mit Markus Söder? Ist es die Angst vor den „Unvernünftigen“? Die Angst, dass sobald es kritische Äußerungen gibt, Menschen verunsichert werden könnten und sich nicht mehr an die Auflagen halten? Falls dies der Grund ist, darf es keiner sein. Die Angst Bürger*innen könnten sich durch einen kritischen Diskurs nicht mehr an die Regeln halten und deshalb zu schweigen, hat noch nie in eine gute Richtung geführt.

Die Angst vor dem Virus, vor der Kapitulation des Gesundheitssystems und der Bedrohung von Risikopatient*innen ist real. Und hinter dem Wort Risikopatient*innen stecken Menschen, Familienmitglieder, Freund*innen. Angst führt bekannterweise zu einem großen Bedürfnis nach Sicherheit. Aber größtmögliche Sicherheit wird die Angst nicht auflösen. Und Sicherheit steht immer in einem Spannungsverhältnis zu Freiheit. Es ist wichtig darüber zu sprechen und nicht aus Angst zu schweigen oder zu hoffen das staatliche Restriktionen das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigen.

Ein vermeintlich so einfaches #staythefuckhome blendet aus, dass dies nicht für alle Menschen so einfach ist. Es ist nicht einfach für Menschen, die in beengten Wohnungssituationen leben. In prekären oder gewalttätigen Beziehungen. Für wohnungslose Menschen. Für Menschen, die am Ende des Monats nicht genügend Geld zur Verfügung haben, um sich einen Monatsvorrat Lebensmittel und Klopapier in den Keller zu stopfen. Menschen mit psychischen Erkrankungen. Für Menschen die keinen Keller und kein Einfamilienhaus haben. Für all die Menschen die zusammen mit 15 weiteren bei Kälte in einem Zelt auf Lesbos schlafen. Die Angriffen und Anfeindungen von Rechtsradikalen ausgeliefert sind. Die nicht in einer warmen Wohnung mit Netflix Anschluss, kostenlosen Yoga-Apps und einer vollen Vorratskammer sitzen. Wo sich ein Corona Fall innerhalb von kürzester Zeit zu einer humanen Katastrophe auswachsen würde. Diese Menschen können nicht the fuck Zuhause bleiben. Weil sie keins haben.

Besonders in Zeiten in denen Grundrechte eingeschränkt werden und die vorherigen Möglichkeiten Protest zu äußern nicht möglich sind, ist es wichtig darüber zu sprechen und sich nicht von Angst erdrücken zu lassen. Wir können uns einschränken, darauf verzichten auf Konzerte oder ins Kino zu gehen, um die Ausbreitung einzuschränken. Niemals einschränken sollten wir das Recht auf Asyl und Unversehrtheit.

Und niemals Ausschalten sollten wir unseren Verstand und unser Mitgefühl. Gerade in Zeiten von kollektiver Angst ist dies fundamental, um anschließend nicht in einer noch unmenschlicheren Welt zu leben, als es vorher schon der Fall war.

Jetzt erst recht(s)!?

Die Prognosen ließen es bereits erahnen. Aber als Sonntagabend verkündet wurde, dass die AfD mit knapp 13 % [1] in den Bundestag einziehen wird, traf es mich doch wie ein Schlag.

Das wirklich knapp 6 Millionen Menschen[2] in Deutschland eine Partei gewählt haben die rechtsradikale, menschenverachtende Parolen verbreiten, die Feuer legen und Hass schüren ohne einen Funken Mitgefühl oder Verantwortung zu zeigen. Und inzwischen kann dies auch keiner mehr leugnen!

Hohe Parteimitglieder haben sich ganz klar in der Öffentlichkeit positioniert mit Aussagen von Alice Weidel, „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“[3], Björn Höcke spricht in seiner Rede in Dresden[4] von einem „Denkmal der Schande“ und meint das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Er spricht von einer „dämlichen Bewältigungskultur“ und davon das Deutschland einen „vollständigen Sieg“ der AfD brauche. Das diese Rhetorik an den sogenannten „totalen Krieg“ erinnert, soll wohl auch kein Zufall sein. Am Ende seiner Rede spricht er noch über die Bombardierungen Dresdens, er sagt:“ Wir sollten ausgelöscht werden. Und mit der systematischen Umerziehung nach 1945 habe man das auch fast geschafft.

Besonders erschreckend, war auch die Reaktion Alexander Gaulands auf das Wahlergebnis der AfD. Er sagte „Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen. Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“[5]

Es gibt nicht länger die Möglichkeit zu sagen „Das haben wir nicht gewusst.“ Es gibt viele Möglichkeiten sich zu informieren, und wenn nun von den Verwaschungen der „Lügenpresse“ gesprochen wird, ist auch dies keine Ausrede mehr. Die Mitschnitte der genannten Reden findet man (größtenteils von AfD-Anhängern selbst in Netz gestellt) auf youtube. Dort kann man sich persönlich von den Aussagen einiger Spitzenkandidat_innen überzeugen.

Meine erste Reaktion war Erschütterung. Ich habe mich schon seit ich denken kann mit der Entstehung des Nationalsozialismus und seinem grausamen Ausmaß beschäftigt. Und obwohl mir die Mechanismen, die besagen das es eben nicht unmöglich ist das sich die Geschichte wiederholt bekannt sind, war dies für mich praktisch undenkbar. In den 80er Jahren geboren, aufgewachsen in den 90er Jahren des Wohlstandes und einer „heilen“ Welt, zumindest war dies meine Wahrnehmung.

Die Rhetorik der AfD, die Pegida Aufmärsche und nun das Ergebnis der Bundestagswahl lassen mich erschaudern und ich frage mich ob nun die Zeit der „Undenkbarkeit“ vorbei ist. Aber ich merke das sich noch etwas anderes regt. Es ist die Überzeugung mich dem entgegenstellen zu wollen, es ist Wut die sich in Tatendrang verwandelt, Stärke und Ressourcen die mein Rückgrat wachsen lassen. Ich engagiere mich bereits gegen Rassismus und Sexismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen und anstatt zu verzweifeln wächst in mir ein „Jetzt erst recht!“.

Ich werde mich diesem Rechtsruck in unserer Gesellschaft entgegenstellen und einer Partei wie der AfD und ihrer Rhetorik wiedersprechen. Und damit meine ich nicht es den sogenannten „Wutbürgern“ gleichzutun, zu schreien und die Schuld nur bei den Anderen zu suchen.

Denn wenn man versucht Hass mit Hass zu bekämpfen, entsteht Krieg. Und Krieg bedeutet die Kapitulation vor der Menschlichkeit.

Ich werde mich fragen, ob wir es uns vielleicht etwas zu bequem gemacht haben in der dahinplätschernden Demokratie der letzten Jahre. Meine Generation ist in eine Selbstverständlichkeit des Friedens geboren, Politik und Geschichte fanden die meisten meiner Freund_innen eher langweilig und uninteressant.

Aber es betrifft uns. Jede Person wird betroffen sein, wenn sich der Hass, das Misstrauen und die Menschenverachtung wieder ausbreitet. Und ja, es ist möglich und es geht schneller als ihr denkt! Ergreift eure Chance, setzt euch ein für Frieden, für eine offene und gerechte Gesellschaft. Es gibt so viele Möglichkeiten dies zu tun, diskutiert mit euren Familien und Freunden, schreibt darüber, engagiert auch in einem Projekt, werdet sichtbar!

Ja, es sind definitiv 12,6 % zu viele Stimmen die die AfD bekommen hat. Aber anscheinend haben 87,4 % der Wahlberechtigten sich dagegen entschieden. Und ja, auch nicht zu wählen ist eine Entscheidung, wenn auch keine besonders gute.

Aber nun haben wir 4 Jahre Zeit, um sie nicht größer werden zu lassen. Und das bedeutet Überzeugungsarbeit. Den Wert einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft wieder schätzen zu lernen, uns für ein offenes Miteinander einzusetzen und Neues kennenzulernen. Und ja, es gibt auch viele Punkte die mir nicht gefallen, in denen ich besonders der CDU/CSU und der FDP in ihren Wahlprogrammen wiederspreche. Aber nur zu meckern und aus Hilflosigkeit eine rechte Partei zu wählen, die uns im Falle einer Regierung alle in den Abgrund reißen würde, kann keine nachhaltige Möglichkeit sein.

Die SPD geht in die Opposition, ich finde eine absolut richtige Entscheidung. Vielleicht verändert dies bei vielen das Gefühl, dass es nicht nur „die da oben“ gibt, sondern dass es klar differenzierte Positionen gibt. Vielleicht braucht es auch im Politikbetrieb mehr Klarheit und Verständlichkeit damit es auch „dort unten“ ankommt.

Ich denke diese Ergebnisse können auch eine Chance sein. Eine Chance für Umbrüche, für ein offenes Europa und eine offene Gesellschaft. Vielleicht hilft dieser Schock, uns darüber klar zu werden in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Und das Nationalismus und Abschottung langfristig zu unglaublich viel Leid und Zerstörung führen. Rechtsnationale Politik in unseren Parlamenten darf keine Normalität werden.

Ergreifen wir diese Chance, bevor es die Falschen tun.

[1] Erste Hochrechnungen, inzwischen 12,6 %
[2] Bei  61,5 Millionen Wahlbeteiligten und einer Wahlbeteiligung von 75,6 %
[3] Alice Weidel, Bundesparteitag der AfD in Köln, 22./23. April 2017
[4] shz.de, 18.1.2017, https://www.shz.de/deutschland-welt/politik/protokoll-einer-rede-bjoern-hoecke-der-brandstifter-id15869041.html außerdem die Rede in voller Länge: https://www.youtube.com/watch?v=WWwy4cYRFls
[5]Tagesschau, https://www.facebook.com/tagesschau/videos/10155860436214407/

Brauner Schleim

Der Nationalsozialismus, der Holocaust und all seine grausamen menschenverachtenden Ausmaße haben mich schon mein Leben lang beschäftigt. Ich konnte gerade lesen, war knapp 6 Jahre alt und meine Mutter hatte ein „kindgerechtes“ Buch über das KZ Dachau ausgeliehen, weil ich Fragen stellte. Wie es genau dazu kam, weiß ich nicht mehr. Aber es hat mich gefangen genommen, mich zur Aufklärungskriegerin gemacht, ich war wie besessen, habe jedes Buch, jeden Artikel verschlungen. Habe geweint, um meine kindliche Fassung gerungen und mir wurde schlecht als ich über das Schicksal der Kinder vom Bullenhuser Damm las. Es gab ein erstes Referat in der 5. Klasse, ich wählte Auschwitz als Thema.

Es gab ganz schön Ärger, als ich ein Bild nach dem anderen mit menschlichen Leichenbergen an die Tafel klebte. Ich wollte meine Mitschüler*innen aufrütteln, konnte nicht ertragen, dass sie nichts über Auschwitz wussten, nichts über Vergasung, über Deportation, über Ausgrenzung, Verfolgung und Rassenwahn. Ich fand es unbegreiflich, dass sie keine Ahnung hatten was Auschwitz war, in der Pause aber Witze über Gaskammern gerissen wurden.

Betretene und geschockte Gesichter meiner 11 jährigen Mitschüler*innen. Aber ich dachte mir, wenn sie darüber Witze machen, können sie auch die Wahrheit ertragen.

Sophie Scholl und die weiße Rose waren meine Held*innen, meine Vorbilder. Ich habe mich oft gefragt, wie es gewesen wäre an ihrer Stelle gewesen zu sein. Sich die große Frage stellen zu müssen. Kapitulation vor der Angst? Angst vor Verfolgung, dem Tod, vor Folter. Oder seiner Überzeugung folgen? Die Ungerechtigkeit nicht ertragen zu können, den Stumpfsinnn der Menschen, ihr leeres Wegsehen? In den Widerstand zu gehen, jede*r auf ihre_seine Weise, aber immer im Schatten der Angst und des Risikos?

Ich war mir damals sicher, ich hätte nicht wegsehen können.

Jetzt habe ich selbst eine Tochter. Es gibt eine Menge zu verlieren. Und wenn ich mich jetzt frage?

In Zeiten erneuter Menschenverachtung, die ohne Bedenken offen ausgesprochen wird. In Zeiten in der es eine rechtspopulistische Partei mit einem Parteiprogramm voll dieser menschenverachtenden Forderungen, sorgsam verpackt in die Hülle der Demokratie, dieses Jahr wohl schaffen wird in den Bundestag einzuziehen. In denen einer ihrer führenden Köpfe von „dämlicher Bewältigungskultur“ spricht und das Holocaust Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet.

Es wirkt beinahe, als hätten einige Menschen Jahrzehnte lang die Luft anhalten müssen und prusten nun den ganzen braunen Schleim auf die Straße. Bespucken damit jeden der anders denkt, anders aussieht, anders liebt. Wovor haben sie nur solche Angst, die „besorgten“ Bürger? Das jemand ihnen etwas wegnimmt? An ihrem Familienbild rüttelt? Warum sollte dies zu erschüttern sein, wenn es so golden ist? Wer sollte etwas verlassen in dem er sich geborgen und glücklich fühlt? Das macht keinen Sinn.

Aber auch Witze übers Vergasen machen keinen Sinn. Und sie wurden trotzdem ausgesprochen, um sich groß zu machen, gesehen und gehört zu werden. Traurig, wenn dies der einzige Weg zu sein scheint.

Vielleicht sollte sich jeder diese Frage einmal stellen. Was würdest du tun?

Schweigend wegsehen? Aus Angst vor Folter, vor Mord, aus Angst um deine Familie, davor das sie dich einsperren wenn du den Schwachen eine Stimme gibst?

Wenn ihr den Mut habt euch diese Frage zu stellen, auch wenn es weh tut, auch wenn ihr zu keiner klaren Antwort kommt, gibt es eine gute Nachricht.

Es ist noch nicht zu spät. Noch leben wir in einer freien Demokratie, in einem Land der Meinungs- und Pressefreiheit. In dem es ein Grundgesetz gibt das die Menschenrechte schützt, das errichtet wurde auf der Asche der Zerstörungswut eines menschenverachtenden Regimes.

Es gibt eine mutmachende Nachricht. Ihr müsst diese Entscheidung noch nicht treffen. Noch habt ihr die Chance ohne Gewalt eure Stimme zu erheben. Friedlich und mit Nachdruck. Seid eine Stimme für die Leisen, die unserer Sprache nicht mächtig sind, für die Stummen, die es nicht geschafft haben und vor unseren Toren den Tod fanden. Erhebt eure Stimme für die Lauten und Bunten, die lachen und einander lieben wollen, dieses tiefste Grundbedürfnis nach Liebe und Akzeptanz haben, wie jeder Mensch auf dieser Erde. Warum sollen sie schweigen, nur weil sie bunt sind? Erhebt eure Stimme für euch. Seid es euch wert in einer Welt zu leben, in der jeder gehört werden darf. Die Stummen und die Leisen, die Lauten und die Sanften. Denn ihr könnt jeder Zeit einer von ihnen werden.

Menschenverachtender brauner Schleim schreckt vor niemandem zurück. Er fliegt einfach durch die Luft, verseucht und verklebt alles um ihn herum. Frisst Farben, Düfte und Klänge.

Stellt euch die Frage jetzt. Denn noch ist es nicht zu spät. Noch ist die Antwort leichter zu treffen, noch müsst ihr nicht wählen zwischen Gewissen und Angst.

Was würde ich tun?