Das Private ist politisch! Warum Feminismus systemrelevant ist.

Der feministische Slogan „Das Private ist politisch!“ ist nach wie vor aktuell. Die Corona-Krise zeigt dies in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite gibt es stärkere Eingriffe des Staates in private Bereiche und eine massive Einschränkung der Grundrechte. Seit einigen Wochen dürfen sich Personen nur noch zu zweit in der Öffentlichkeit aufhalten, bzw. mit Menschen, die im eigenen Haushalt leben. Dies führt dazu das von der Norm abweichende Familien- und Lebensmodelle noch stärker hinterfragt und diskriminiert werden. Demonstrationen werden durch die Aufhebung der Versammlungsfreiheit mit Begründung des Seuchenschutzes fast vollständig unterbunden. Die Möglichkeit auf prekäre Lebensverhältnisse und Ungleichheit aufmerksam zu machen, ist damit deutlich erschwert.

Auf der anderen Seite gibt es durch die Corona-Maßnahmen einen starken Rückzug in „Private“. Doch so flauschig wie Merkel es beschreibt, das Familien gemeinsam Zeit verbringen und Podcasts für ihre Großeltern aufnehmen, ist es bei weitem nicht für alle Menschen. In erster Linie wird hier das Bild einer Klein- und Kernfamilie vermittelt, die ausreichend Platz und Geld für Vorräte hat, gemeinsam in einem Haushalt lebt und im Besten Fall noch über eine große Wohnung oder ein Haus mit Garten verfügt. Da kann man es sich ja mal eine Weile gemütlich machen. Hiervon abweichende Familien Konstrukte oder Menschen die in prekären Lebensumgebungen leben, werden hier einfach ausgeblendet. Der verordnete Rückzug ins Private bedeutet auch, dass Menschen die von häuslicher Gewalt und Missbrauch betroffen sind, diesem noch isolierter ausgeliefert sind als vorher. Vergangene Woche gab es einen Anstieg von 17,5 % der Anrufe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“[1].

Ein weiterer Punkt ist die bezahlte und unbezahlte Fürsorge-Arbeit, die sich seit der Corona-Krise deutlich erhöht hat. Care-Arbeitende in Altenheimen und Krankenhäusern werden zurzeit besonders gefordert und gebraucht. Zumindest gibt es hierfür gerade ein bisschen mediale Aufmerksamkeit, wenn diese aber nicht anhält und sich schlechte Bezahlung und erschöpfende Arbeitsbedingungen nicht ändern, ist damit auch niemandem geholfen. Personen die Kinder haben, sind ebenfalls besonders belastet. Da alle Schulen und Kitas geschlossen sind, müssen die Kinder zuhause betreut, versorgt, beschult und bespaßt werden. Häufig zusätzlich zur Lohnarbeit. Der Gender-Care Gap betrug im letzten Jahr 52,4 %[2], das bedeutet Frauen[3] wenden im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Zeit auf um sich um Kinderbetreuung, Hausarbeit und die Pflege von Angehörigen zu kümmern. Durch die Schließung von Schulen und Kitas, wird sich dieser nun sicherlich um weitere Prozentpunkte erhöhen.

Die meisten feministischen Bewegungen, versuchten der Vereinzelung von Frauen und Queers entgegenzuwirken. Demos zu veranstalten, laut und wütend auf diese Missstände aufmerksam zu machen, ist zurzeit nicht möglich, obwohl wir es gerade jetzt so dringend bräuchten. Es gibt keine Orte, an denen wir uns treffen können, uns austauschen, trösten und Kraft zusprechen. Es gibt keine FLINT[4] Räume, in denen wir uns ausprobieren und trauen können, gemeinsam lachen und wütend sein. Es gibt keine LaDIYfeste bei denen wir uns gegenseitig etwas beibringen können und keine Take-Back-The-Night und Walpurgisnacht Demos gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus.

Es ist so wichtig, dass diese Kämpfe und Themen nicht untergehen. Auch wenn die „WerteUnion“[5] das anders sieht, Feminismus und Gender Studies sind genauso systemrelevant wie Medizin, Chemie und Biologie. (Queer-)feministische Inititativen geben Menschen eine Stimme, sie bieten Hilfe, Unterstützung und Empowerment für Frauen und Queers die Gewalt und Diskriminierungen erlebt haben. Sie schaffen Räume in denen Menschen mutig sein können und sich gegenseitig bestärken.

Sie kämpfen für eine Gesellschaft, in der Menschen frei von Rollenbildern leben können. In der es nicht nur fürsorgliche Prinzessinnen und starke, gewalttätige Ritter gibt. In der im besten Fall das Geschlecht keine Rolle mehr spielt oder eine Vielfalt von Geschlechtern die Norm ist. Gesellschaftliche Veränderungen für mehr Gleichberechtigung, gegen sexualisierte Gewalt und den Abbau von Diskriminierungen brauchen Räume und Initiativen, in denen wir uns zusammenschließen und an neuen Gesellschaftsentwürfen basteln können.

Wir dürfen uns nicht vereinzeln lassen. Lasst uns Wege finden, um füreinander da zu sein, auf sexistische Scheisse und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Und einen besonderen Blick auf diejenigen zu haben, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind. Die noch stärker isoliert sind, weil sie zur Risikogruppe gehören, von Gewalt betroffen sind, kein Zuhause haben, in Geflüchteten Unterkünften leben, jetzt noch mehr Care-Arbeit leisten oder unter psychischen Erkrankungen leiden.

Feminismus ist systemrelevant. Besonders in Zeiten in denen das System kränkelt.


[1] https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/haeusliche-gewalt-hilfetelefon-100.html

[2] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294

[3] Leider werden bei statistischen Erhebungen nach wie vor hauptsächlich die binären Kategorien „Mann“ und „Frau“ abgefragt, dass heißt Personen die sich diesen Kategorien nicht zuordnen, kommen hier nicht vor. Hier braucht es unbedingt ein Umdenken in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen.

[4] FrauenLesbenInterNon-BinaryTrans

[5] https://twitter.com/werteunion/status/1243624037475135488

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