Beschissene Zeiten und Maulwurf-Babys

Eigentlich ist heute mein Self-Care Tag. Eine Maßnahme die ich mit meiner Therapeutin ausgeheckt habe. Als sie die Idee hatte, fand ich die Vorstellung so geil und verlockend, dass ich sie direkt umsetzen wollte. Der Plan: Aufstehen, laaange Yoga-Session mit Duftkerze, Haare färben, Frühstücken, an den Strand fahren, um einen langen Spaziergang voller tiefsinniger Gedanken und kreativer Ideen für meine Texte zu machen, danach tiefsinnige, kreative Texte schreiben. Außerdem ist der Deal heute nicht zu kochen, also nicht für andere. Meiner Tochter ists egal, die kommt eh erst später und Frosta Nudeln findet sie immer geil. Also: Nach der produktiven Phase – vollkommener Entspannungsgenuss, nochmal Yoga, was richtig Geiles zu essen, ne Flasche Pinot und ein Film, den nur ich sehen will. Der perfekte Tag. Natürlich völlig ohne Perfektionsanspruch.

Die Realität: Also das mit dem Aufstehen hat schon mal nicht so gut geklappt. Um 6.30 bin ich nach einer Nacht voll extrem-weirder Träume (ich stand in einer fremden Küche und an der Fensterscheibe ist ein blindes, nacktes Maulwurfbaby entlang gekrabbelt) mit bleiernen Beinen und geschwollenen Augen in die Küche gekrochen, um meiner Tochter Apfel-Zimt Porridge und mir Kaffee zu machen. Danach bin ich wieder im Bett verschwunden und habe mich rumgewälzt. Den Fehler gemacht meine Mails zu lesen, super, die Lehrerin meines Pubertäts-Monsters will mit mir telefonieren, da sie anscheinend letzte Woche geschwänzt hat. Genau was ich brauche. Laptop wieder zugeklappt, weiter im Bett gewühlt und ab und zu einen Schluck Kaffee getrunken. Das dauerte bis 10 Uhr. Danach kurz zusammengerissen, Yoga, Haare färben ein Brot gegessen. Anschließend völlige Erschöpfung. Nach einer längeren Zeit in Unterhose und mit nassen Haaren auf der Bettkante sitzend entscheide ich mich gegen eine Jeans und für die Jogging Hose. Die Vorstellung ne viertel Stunde zum Auto zu latschen das meine Freundin und ich uns teilen und sie gestern aufgrund von chronischem Parkplatzmangel am Arsch der Stadt abstellen musste ist grauenhaft. Die Vorstellung durch die graue, nebelsuppige Stadt an Menschen vorbeilaufen zu müssen, um dann mit dem Auto über eine graue Landstraße zu fahren, um danach am grauen Strand zu laufen an dem man vor lauter scheiss-grauer Nebelsuppe nicht mal den Horizont sehen kann besiegt jegliche Motivation. Ich liebe den Strand und die Steilküste. Ich liebe den Wind und normalerweise lasse ich mich weder von Regen noch Wolken davon abhalten dort. Aber das Ganze Paket ist gerade einfach nicht überzeugend. Die Sinnlosigkeit und Erschöpfung meiner aktuellen Depressionsphase scheinen heute ihre Glanzstunde zu haben. Nachdem ich anschließend zwei Stunden regungslos auf meinem Bett bei einem wirklich guten Hörbuch weggepennt bin und mich danach übelst verkatert fühlte, habe mich entschieden aufzustehen und meinem Tag einen Sinn zu geben in dem ich die Wohnung sauge und meine Regale von Staub befreie. Das ist ein ziemlich trauriger Tages-Sinn aber das ist zumindest überhaupt einer, und er bringt mich dazu mich zu bewegen.

Dabei fällt mir auf, wie sehr ich es vermisse zu tanzen. Die Sehnsucht wird so stark, dass sie anfängt in meinem Bauch zu ziehen und in den Beinen zu schmerzen. Also beschließe ich alleine in meinem Zimmer zu tanzen. Habe ich früher schon gemacht, ist aber ewig her. Ich weiß das es vor mir schon einige Leute gab, die in der Pandemie in ihren Wohnungen getanzt haben, ist jetzt also nix bahnbrechendes. Ich brauche meistens länger, um mich an neue Herangehensweisen zu gewöhnen und sie für gut und zumindest brauchbar zu befinden. War auch mit den Zoom-BBB-Jitsy Konferenzen so (habe diese nach ca. 2 Monaten für teilweise brauchbar und nach 9 Monaten für ne hauptsächlich richtig gute Sache erklärt). Nun also tanzen. Nach dem ersten Herumhüpfen und Wiegen zu ner Playlist mit 80ies Punk, bei dem man so richtig schön den Bass raus hört, schießt mir der Schmerz in den rechten Knöchel, den ich auf ner Brüssel-Studienreise mal ziemlich misshandelt habe. Scheisse, das kann ja jetzt nicht sein, ich bin voll in Stimmung, habe mein goldenes Haarband aufgesetzt und jetzt sowas. Also versuche ich vorsichtig nur den anderen Knöchel zu belasten und nach einer Weile haben sich beide Knöchel an diese scheinbar inzwischen völlig ungewohnte Bewegung gewöhnt und ich schwebe beseelt durch mein Zimmer. Alles anders als gedacht, aber für diese beschissenen Zeiten gar nicht schlecht. Also bin ich gnädig und nachsichtig mit mir, meinem Knöchel und meiner gequälten düsteren Seele und verbuche diesen Tag als vollen Erfolg.

Erschöpfungszustände und Trumpismus – von individuell und global erkrankten Organismen

Die Welt leidet an COVID-19, Rechtspopulismus und Trumpismus. Seit vier Tagen verfolgt die Welt, oder zumindest der Teil der Welt, der die Charta der Menschenrechte für etwas Gutes hält, einen Show-Down zwischen „Gut“ und „Böse“. Es schwankt wie in einem epischen Fantasy-Blockbuster, die Bösen greifen an, die Guten preschen vor und dann sind sie gleichauf. Sicherlich, es ist nachvollziehbar, der Wunsch das es einen großen Showdown gibt in dem der gefährliche, lügen-erzählende, hassenswerte, sexistische Rassist, der es gerade durch diese Eigenschaften geschafft hat Präsident der USA zu werden, gestürzt wird. Am besten in den feurig-lodernden Höllenschlund, auf das er ihn dort für immer verschlinge und daraufhin das Gute den Sieg davontrage. Die Menschheit auf immer in Frieden, Respekt und Glückseligkeit leben mag. Ich muss zugeben, ich mag dieses Bild. Und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass Trump diese Wahl weder durch Stimmen gewinnt noch indem er Hebel einer Demokratie be-nutzt, um sie gegen sich selbst einzusetzen und diese am Ende zu zerstören.

Nur, es ist wie immer in einer komplexen Welt nicht so einfach. Die Welt ist ein erkrankter Organismus, der über viele Jahre erschöpft wurde. Durch globale, nationale und regionale soziale Ungleichheit, Rassismus, die immer noch nicht erreichte Gleichberechtigung aller Geschlechter, durch die Ausbeutung Vieler und die Gier Weniger. Durch eine systematische Zerstörung und Ausbeutung von Ressourcen, die Zerstörung natürlichen Lebensraums und das Voranschreiten des Aussterbens ganzer Tierarten. Die stetige Erwärmung des Klimas, die uns in den nächsten Jahrzehnten vor die größte globale Herausforderung der Menschheit stellen wird.

Von dem globalen, erkrankten Organismus zu der kleinsten Einheit. Zu einem Individuum irgendwo in Deutschland, mir selbst. Seit ungefähr 4 Wochen schleppe ich nun etwas mit mir herum. Ich fühle mich extrem schwach und habe angeschwollene Lymphknoten. Nein, es ist kein COVID-19 das habe bereits checken lassen und der Test war negativ. Immer wieder bäumt sich mein Körper auf, mein Immunsystem kämpft und ich denke, endlich, ich bin wieder gesund. Drei Tage später lieg ich dann da und es geht wieder los. Es fühlt sich an als würde mein Körper zwar dagegen kämpfen, aber immer wieder erschöpft loslassen, um es nach ein paar Tagen wieder zu versuchen. Mich beschleicht durchaus der Gedanke, dass mehr dahintersteckt.

Die letzten Monate waren intensiv und geprägt durch unterschiedliche alltägliche und außergewöhnliche Belastungen. Trotz allem ändert sich nichts an dem Anspruch weiter zu machen. Was wäre auch die Alternative? Wenn ich das Ganze Konstrukt ehrlich betrachte, geht das schon seit 15 Jahren so. Es gab immer wieder Wendepunkte, in denen ich Grundsätzliches verändert und neugestaltet habe. Trotzdem scheint es so als ob die Belastung, die Erschöpfung mich verfolgt und immer wieder findet. Ich sehe mich denken, dass es nun doch mal genug sein müsste. Das es doch Veränderungen gab, dass ich mir doch hier und da mal eine Auszeit genommen habe. Auch in meinem Umfeld gibt es ausgesprochene und unausgesprochene Meinungen zu meinem Zustand. Das reicht von „Du warst aber doch ne Woche in Dänemark, dass müsste doch reichen“ bis hin zu „Du musst jetzt mal was verändern, du hast zu viel Stress“.  Beides ist nicht falsch. Ja, ich war dann mal eine Woche in Dänemark. Aber wenn ich diese der Erschöpfung der letzten 15 Jahre und jedes neuen Tages entgegensetze ist diese Woche ein winziger Schluck kalte Cola im Glas einer Verdurstenden. Es lindert kurz das Verlangen, stillt aber bei weitem nicht den Durst.

Es bräuchte eine große Wasserkanne um den Zustand des Augetrocknet-Seins wirklich zu lindern und anschließend den Bau einer nachhaltigen Wassergewinnungsanlage. Die auch Wochen der Trockenheit übersteht, weil ihre Ressourcen eine Weile reichen. Und weil sie wieder aufgefüllt werden. Die Wasserkanne wäre in meinem Fall eine wirkliche, nennenswerte Auszeit, die dem Ausmaß der jahrelangen Erschöpfung und dem Überleben von Mini-Auszeit zu Mini-Auszeit gerecht wird. Es bräuchte außerdem eine Strategie, neue nachhaltige Ressourcen zu erschließen. Es bräuchte die Unterstützung und Solidarität von Anderen. Von Freund*innen, der Familie aber auch der Gesellschaft. Alleine ein Kind großzuziehen ist ungefähr so, wie vollkommen alleine eine große Wassergewinnungsanlage zu bauen und am Laufen zu halten, zu reparieren, zu erweitern und zu kontrollieren. Immer in dem Wissen das Andere von dieser Anlage abhängig sind. Das Ganze erfolgt aber unbezahlt, neben dem eigentlichen „Verdienst“ der Lohnarbeit oder dem Studium.  Dabei ist diese Anlage überlebenswichtig für eine ganze Gemeinschaft.

Zurück zum erkrankten Organismus der demokratischen Gesellschaften. Es braucht einen Bruch, eine richtige, ernstzunehmende Zeit der Erholung. Einen Bruch mit autoritären, rechtspopulistischen Parteien und Demagogen wie Donald Trump, Marine le Pen oder Björn Höcke. Das Gefühl von Hoffnung muss sich wieder etablieren. Die Trumpinfektiösen USA, aber auch die von Rechtspopulismus befallenen Demokratien in Europa brauchen Dinge wie den Sieg Bidens, als Erholung der letzten Jahre. Vielleicht braucht es symbolträchtige Ereignisse, damit Menschen wieder Kraft und Hoffnung schöpfen um weiter zu machen. Gleichzeitig reicht ein einfaches „Weitermachen“ aber eben nicht. Wir leben leider nicht in einem Fantasy-Roman in dem es damit getan ist den Dämon zu stürzen. Und der Höllenschlund verschluckt auch weder die Trump- noch die AfD-Anhänger und auch nicht die Leute, die versuchen die Pandemie und ihre Folgen durch lautes Schreien oder Anti-5G-Gong-Rituale zu vertreiben. Das geschieht vielleicht in besagten Filmen, weil die Erzählungen auf Gut gegen Böse beruhen, aber Gesellschaften sind weitaus komplexer und abstufungsreicher. Außerdem wäre das mysteriöse Verschwinden von Trump-Anhänger*innen definitiv keine wünschenswerte Option, denn es handelt sich auch hier um Menschen.

Bedingungen haben sich verändert. Viele Menschen profitieren von neuen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und Partizipation. Gleichzeitig verlieren Menschen ihre Jobs, leiden unter dem neuen Stressfaktor der ständigen Erreichbarkeit, fühlen sich erschlagen von der Komplexität vieler demokratischer Vorgänge, übergangen und abgehängt von einer weit entfernt scheinenden Elite. Rechtspopul- und Trumpismus hat diesen Menschen das Gefühl gegeben eine Stimme und Einfluss zu haben. Auch linke und links-liberale akademische Großstädter*innen sollten sich fragen, ob sie sich wirklich für die struggles von Leuten im ländlichen Sachsen oder Iowa interessiert hätten, wenn diese nicht durch Trump-Anhängerschaft und Hygiene-Demos auf sich aufmerksam gemacht hätten?

Unsere Gesellschaften brauchen positive Ereignisse die wieder Kraft und Hoffnung geben. Die Wahl Joe Bidens, die Black-Live-Matter Proteste, die weltweiten Fridays-for-Future Demos sind solche Hoffnungsträger. Gleichzeitig braucht es eine nachhaltige, grundsätzliche Veränderung und Anpassung unserer Gesellschaften. Einen Gegenentwurf, nicht nur ein Sturz des „Bösen“ und dann ein Weiter-wie-bisher. Dann werden demokratische Gesellschaften auf Dauer an Erschöpfung zugrunde gehen und der erkrankte Organismus hat keine Chance wieder gesund zu werden. Wir sollten aus der Pandemie und den Krisen der letzten Jahre lernen, sie als Chance begreifen. Lernen solidarisch zu sein, im ganz kleinen individuellen Raum und global. Wenn eine Person es nicht allein tragen muss ein Kind großzuziehen, dann schafft sie es Ressourcen aufzubauen für schlechte Zeiten. Dann gibt es Raum für gesellschaftliche Teilhabe, vielleicht schreibt diese Person ein Buch mit dem sie andere Menschen inspiriert? Oder sie kann anderen Trost spenden oder eine politische Reform voranbringen, die für mehr globale Gerechtigkeit sorgt oder sogar Völker miteinander versöhnt. Wir brauchen individuelle und gesellschaftliche Solidarität, eine radikal veränderte Sichtweise auf Care-Arbeit, ein bedingungsloses Grundeinkommen damit deutlich mehr Menschen die Möglichkeit haben ihr Leben selbstbestimmt zu leben. Wir brauchen andere, innovative Partizipationsmöglichkeiten an politischen Prozessen damit Menschen das Gefühl haben, dass sie Einfluss haben und nicht Die-da-Oben unkontrolliert über deren Leben entscheiden. Und damit zerstörerische, menschenfeindliche Kräfte keine Chance haben dieses Gefühl von Kontroll-Verlust für sich zu nutzen. Wir brauchen ein Umdenken in der Klima-Politik, damit alle Menschen die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft haben dürfen und sich die globale Ungleichheit nicht noch weiter verschärft.

Wenn ein individueller Körper oder auch ein erkrankter globaler Organismus nicht gesund wird, ist dies ein Hilfe-Schrei aber genauso eine Chance auf Veränderung. Vielleicht sollte ich im Kleinen anfangen darauf zu hören, meinem Körper die Chance geben gesund zu werden und mich um Veränderung bemühen, damit er es bleibt. Am Anfang steht immer der Wille etwas zu verändern und die Hoffnung darauf das Andere diesen Willen teilen und bereit sind solidarisch zu handeln. Auch wenn das bedeutet etwas von sich zu geben und geduldig zu sein. Von der Genesung des Individuums sowie globaler Organismen profitieren nicht nur alle Menschen, wir brauchen sie auch unbedingt, wenn wir nicht in wirklich dunkle Zeitalter zurückfallen wollen.

Eine Lobby für die Leisen

Die Welt hat sich verändert. Nicht das vor der Pandemie alles geil war. Aber wenn man den Teilnehmer*innen der sogenannten Hygiene-Demos glaubt, befinde ich mich bereits in einer Diktatur und muss dauerhaft einen Maulkorb tragen, im konkreten wie auch im übertragenen Sinne. Außerdem wird demnächst eine Armee von Eliten herumfahren, mir auf der Straße eine Zwangsimpfung inklusive Chip in den Hintern drücken und danach feiern sie ihre ewige Jugend, indem sie das Blut von durch UNICEF vermittelte Kindern in ihren geheimen Luxus-Bunkern trinken. Gott sei Dank gibt es tausende Freiheitskämpfer*innen die diese Wahrheit erkannt haben und in Berlin mal so richtig Stunk machen. Unter denen gibt es auch keine Nazis, naja ein paar Reichsflaggen… Aber es sind ja alle Menschen und das ist auch mega intolerant, wenn man die ausschließt. All lives matter und so.

Ich möchte den Menschen nicht ihre Ängste und Sorgen absprechen. Demokratische Prozesse und Gesellschaften leben bekanntlich von Streit zwischen Gruppierungen und Parteien mit unterschiedlichen Positionen, Debatten und Auseinandersetzungen. Aber wenn eine Gruppe anderen Menschen ihre Meinung absprechen, ihre Art zu leben, ihre Sexualität, ihr Recht auf Unversehrtheit, behaupten es herrsche eine Diktatur obwohl sie sich selbst eine wünschen in der nur ihre Meinung und Weltanschauung Platz hat, ist das kein demokratischer Prozess.

Die Pandemie und die Corona Beschränkungen haben weltweit den Alltag vieler Menschen verändert, Ungleichheiten verstärkt und Existenzen zerstört. Es hat dazu geführt, dass Grenzen geschlossen wurden und unglaubliches Unrecht und Leid der Menschen beispielsweise auf den griechischen Inseln ins Unermessliche steigt. Aber COVID-19 ist keine Erfindung irgendwelcher Eliten, um Gesellschaften zu unterdrücken und Bürger*innen Chips zu implantieren.

Wenn Verschwörungstheoretiker*innen auf Demos von Maulkörben, Zwangsimpfungen und Diktaturen fantasieren und sich einen Kaiser zurückwünschen, sind sie damit unglaublich laut und medienwirksam. Sie sind auf allen Titel Seiten, es wird in Talk-Shows darüber diskutiert und die sozialen Medien sind voll von Ihnen und ihren Schrei-Parolen. Margarete Stokowski hat neulich einen Artikel „für die Traurigen und die Müden“ in der Pandemie geschrieben. Menschen die ihren Alltag nach über einem halben Jahr Corona-Welt nicht oder nur schwer schaffen. Menschen die traurig sind, müde und ängstlich, die keine laute schreiende Lobby haben.

Ich empfinde es nicht als Maulkorb, wenn ich beim Einkaufen eine Maske tragen soll. Ja es nervt und wenn man zu Atemnot durch Panikattacken neigt, ist die nicht besonders hilfreich. Aber fuck, es ist ein Stück Stoff in meinem Gesicht für eine sehr überschaubare Zeit. Und nein, ich habe auch nicht das Gefühl in einer Diktatur zu leben, in der ich nicht sagen kann was ich denke. Ich schreibe immerhin gerade diesen Artikel und die Leute auf den Anti-Corona Demos widerlegen ja nun auch durch ihre Dasein und ihre mediale Präsenz das Gegenteil. Aber ich bin müde, ich bin erschöpft und ich mache mir Sorgen. Es macht mir Sorgen, wenn Gruppen von Menschen wirklich der Überzeugung sind, wir würden uns in einer Diktatur befinden und die AfD wäre eine freiheitliche Alternative. Es macht mir Angst, wenn Nazis ihre menschenverachtenden Parolen beinahe unwidersprochen auf „bürgerlich“-verstandenen Demos, im Bundestag und im Netz verbreiten können. Das sich die Gesellschaft, in der ich lebe an rechte Positionen zu gewöhnen scheint. Das immer mehr Staaten in der EU nach rechts rücken. Das die EU sich weigert für die Menschen im Lager Moria Verantwortung zu übernehmen. Das ein Rassist vorhat in den USA einen Bürgerkrieg anzuzetteln, weil sein Ego es nicht erträgt, wenn er nicht gewählt wird.

Ich bin erschöpft, weil ich über viele Monate versucht habe meine Uni-Leistungen zu erbringen und gleichzeitig mein Kind Zuhause zu beschulen, zu beruhigen, zu bekochen und ihr die sozialen Kontakte zu ersetzen. Weil mein mental-load die 100 weit überschritten hat. Eine gute Freundin, Partnerin und Tochter zu sein. Meine Mutter zu beruhigen und mein Wissen zu teilen, als es hieß Nazis wollen den Bundestag stürmen. Mich politisch auszudrücken und zu schreiben, weil es das ist was ich immer am Allermeisten tun wollte.

Ich bin müde, weil ich trotz einer Depression versuche weiter zu machen. Nachsichtig mit mir zu sein, wenn ich nicht all meine hochgesteckten Ziele erreiche oder andere Wege zu finden, um sie zu erreichen. Ich habe Angst, dass Menschen die mir nah stehen und zur Risiko-Gruppe gehören an Corona erkranken. Es ist bedrückend und legt sich wie ein dunkler Schleier über die nächsten Monate und das nächste Jahr, dass niemand sagen kann, wie es mit dieser Pandemie weitergeht. Mir fehlt so sehr meine feministische, queere Community. Mir fehlen Ladiyfeste und politische Räume. Es kostet Kraft Kontakte herzustellen und andere Wege der Vernetzung zu schaffen. Mir fehlt die Leichtigkeit, Konzerte und Festivals. Und Scheisse, wie gerne würde ich mal wieder tanzen!

Ich sehe um mich herum Menschen die traurig sind, die erschöpft sind, die Care-Arbeit leisten, sich um andere kümmern, die mit psychischen Erkrankungen struggeln, für die eine Ansteckung eine echte Gefahr darstellt und die resigniert sind. Das es noch lange so weiter geht. Die gerade nicht wissen, wie sie sich finanzieren sollen und wann es besser wird. Denen die Ausstülpungen der Hygiene-Demo-People mehr Atemnot macht als das Tragen einer Maske.

Diese Menschen haben keine laute Schrei-Lobby. Aber sie sind auch Teil dieser Gesellschaft, sie sind nur leiser. Sie machen sich sinnvolle, differenzierte Gedanken und es wäre wertvoll inne zu halten und ihnen zuzuhören.

Von enthemmten Worten und der Logik der Abfall-Kausalität

Gestern hat Bundesinnenminister Horst Seehofer angekündigt Strafanzeige gegen die Autor*in und Journalist*in Hengameh Yaghoobifarah zu erstatten. In seiner Funktion als Bundesinnenminister. Die Gewerkschaft der Polizei hatte bereits eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt.

Worum ging es eigentlich? Hengameh Yaghoobifarah hat in ihrem taz Artikel darüber sinniert, in welchen Branchen Polizist*innen arbeiten könnten, wenn es zu einer Auflösung der Polizei kommen würde, der Kapitalismus aber bestehen bliebe. H.Y.[1] setzt diese klar satirischen  Überlegungen in den Kontext der Black-Lives-Matter Proteste und den hiermit zusammenhängenden Reformen bzw. der formalen Auflösung der Polizei in Minneapolis und New York. H.Y. stellt verschiedene Überlegungen zu bestimmten Berufsgruppen an, verwirft diese wieder, da die Forderung Polizeistrukturen aufzulösen auf einer Kritik von Machtstrukturen und rassistischer Gewalt durch Exekutiv-Organe beruht. H.Y. verknüpft hier ernste Kritik mit ironischen Aussagen, beispielsweise wird auf rechte Strukturen in der Polizei hingewiesen und dass somit bei einem Keramik-Bemalungs-Job die Gefahr bestünde es könnten heimlich Hakenkreuz-Teeservice hergestellt werden. Satire eben!

Am Ende des Artikels kommt H.Y. zu dem Schluss, der ungefährlichste Job wäre der auf einer Mülldeponie, in der es keine Möglichkeiten gäbe Macht auszuüben und kein Kontakt zu anderen Menschen und Tieren bestünde. Und das Polizist*innen sich dort unter ihresgleichen am Wohlsten fühlen würden, also unter Abfall.

Über den letzten Satz mag es unterschiedliche Meinungen geben. Ob es ok ist Polizist*innen mit Abfall zu vergleichen. Aber: H.Y. schreibt nicht, Polizist*innen als Menschen dort zu „entsorgen“. Es ist ein satirischer Artikel, der im Kontext von rassistischer Polizeigewalt, der Ermordung mehrerer Schwarzer Menschen in den USA durch Polizeibeamte und unverhältnismäßigem, autoritärem Vorgehen durch Polizist*innen in Deutschland und den USA zu verstehen ist. Soviel zum Inhalt.

Die Reaktionen auf diesen politisch-satirischen Artikel waren eine Anzeige der Polizeigewerkschaft wegen Volksverhetzung (ernsthaft?) und eine angekündigte Anzeige des Bundesinnenministers in der BILD Zeitung (weil die BILD ja durchaus hervorsticht für ihre menschenfreundliche Berichterstattung).

Horst Seehofer begründet seine Anzeige folgendermaßen: „Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten und zu Gewaltexzessen, genauso wie wir es jetzt in Stuttgart gesehen haben. Das dürfen wir nicht weiter hinnehmen.“[2] Er beschreibt hier also einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Satire-Artikel von Hengameh Yaghoobifarah und den Ausschreitungen in Stuttgart[3]. Den Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation muss er wohl nochmal googeln. Obwohl selbst die Unterstellung einer Korrelation in diesem Zusammenhang mehr als abwegig erscheint.

Die Feststellung eine „Enthemmung der Worte führe unweigerlich zu Taten und Gewaltexzessen“ ist in diesem Zusammenhang eine unerträgliche Aussage. Wie unfassbar viele Wort-Enthemmungen gab es in den letzten Jahren gegenüber Geflüchteten, People of Color, Trans*Personen, Feminist*innen, Homosexuellen Menschen, Hartz-4 Empfänger*innen, Wohnungslosen und Jüd*innen? Durch Bundestagsabgeordnete, Polizist*innen, rechte Journalist*innen und Autor*innen. Und wie oft führten diese zu Gewalt, wurden Menschen angegriffen, Unterkünfte von Geflüchteten angezündet, wurden Menschen ermordet in Halle, in Oslo, Orlando und an vielen anderen Orten. Was ist mit den Morden des NSU? Was ist mit den rechtsradikalen und rassistischen Morden von Hanau? Welcher Minister hat hier Anklage gegen all die sprachlichen Enthemmungen von AfD Abgeordneten und rechten Gruppierungen erhoben?

Bei diesen rechten Wort-Enthemmungen handelt es sich aber nicht um die „Diffamierung“ einer Berufsgruppe. AfD-Abgeordnete, rechte Publizist*innen und  CSU Politiker*innen (ja genau die Horst Seehofer Partei) ergießen ihre sprachlichen Enthemmungen über Menschen die oft nicht den Schutz einer staatlichen Berufsgruppe genießen. Es wird konkret gegen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Sexualität oder ihrer Religion gehetzt und diese werden häufig mit schlimmeren Dingen verglichen als mit Abfall auf einer deutschen Mülldeponie. Sie werden als gefährlich und monströs dargestellt, sie werden entmenschlicht und als eine die „deutsche“ Kultur bedrohende Welle bezeichnet.

Hengameh Yaghoobifarah hat einen Satire Artikel über eine Berufsgruppe geschrieben, die mit der Gewaltausübung eines Staates betraut wurde. Die über einen deutschen Pass oder eine Aufenthaltserlaubnis und ein sicheres Gehalt verfügen und bei den meisten Anzeigen gegen Polizeigewalt die Rückendeckung ihrer Kolleg*innen genießen und somit kaum etwas zu befürchten haben.

Ausgerechnet gegen eine Journalist*in und Aktvist*in die sich gegen Diskriminierung einsetzt und diese selbst erlebt hat Anzeige wegen Volkverhetzung zu erstatten ist so bodenlos und beschämend, dass mir die Worte fehlen. Obwohl, eigentlich nicht, mir fallen dazu eine Menge Worte ein, die ich gerne an Horst Seehofer richten würde. Aber wenn ich diese hier ausführen würde, wäre ich wahrscheinlich morgen auch eine Gefahr für die innere Sicherheit.


[1] Ich verwende hier statt einem Pronomen die Namenskürzel H.Y., da ich nicht weiß welches Pronomen Hengameh Yaghoobifarah bevorzugt

[2] https://www.tagesschau.de/inland/seehofer-taz-anzeige-101.html?fbclid=IwAR2xUBQCmRR6Zldnt9pqU31xXi7aGphCk9i98agjBpFNEw_Ab03TpmDWEOU

[3] https://www.tagesschau.de/inland/stuttgart-randale-pluenderung-101.html

Von Mutter-Ally´s und der Erkenntnis weiß zu sein

Nach dem Mord an dem Schwarzen[1] US-Amerikaner George Floyd durch einen weißen Polizisten, startete eine weltweite Protestbewegung, ausgehend von der Black Lives Matter Bewegung in den USA. Die Bilder seines Mordes gingen um die Welt und auch in den Profilbildern und Stories von vielen Influencer*innen sind Anti-Rassismus Statements zu sehen. Und so kamen sie auch in den Insta-Feed meiner Tochter. Wir begannen ein intensives Gespräch über Rassismus und Polizeigewalt und sie stellte viele Fragen über Abkürzungen und wieso Menschen solche Dinge tun. Am Ende des Gesprächs sagte sie: „Mama, weißt du was ich nicht verstehe? Das hätte denen doch auch schon mal vorher auffallen können, dass es Rassismus gibt.“ Dieser kurze etwas flapsige Teenager-Satz hat mich berührt und beschäftigt. Wieviel Wahrheit in dieser Bemerkung steckt und ihre scharfe Beobachtung dieser Tatsache. Apropos kluge kindliche Beobachtung. Als sie 9 Jahre alt war sagte sie: „Also das diese komischen Leute bei der AfD das doof finden, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt, das können die ja finden, aber das die sagen es gibt nicht noch andere Geschlechter, das ist einfach dumm, weil es ja nicht stimmt.“ (Ja da schlägt mein feministisches Herz als ihre Mutter natürlich höher, aber dass nur so am Rande :-).

Wir haben dann darüber gesprochen, dass es sein kann, dass Leute die sonst eher Selfies mit ihren neuesten Schuhen und Autos posten, einfach auch ein Teil eines neuen Trends sein möchten. Aber das es trotzdem gut sein kann, wenn die Thematisierung von Rassismus und Gewalt durch weiße Polizist*innen gegen Schwarze und andere PoCs[2] so groß wird, weil es Sichtbarkeit und dafür Möglichkeiten für Veränderungen schafft. Es fiel aber noch ein zweiter Punkt auf. Die meisten dieser Influencer*innen waren weiß. Und das ist wahrscheinlich ein ausschlaggebender Punkt der scharfen Beobachtung meiner Tochter. Diese Personen haben Rassismus nie selbst erlebt. Und deshalb ist es ihnen wahrscheinlich vorher nicht ausreichend „aufgefallen“ um es in ihren Profilbildern und Stories zu thematisieren. Ich möchte damit ihr Engagement definitiv nicht schlecht reden. Sich darüber bewusst zu werden, weiß zu sein und sich mit Rassismus (auch dem eigenen) auseinanderzusetzen geschieht bei Menschen, die nicht zwangsweise damit konfrontiert sind, weil sie als Schwarze oder Person of Color in einer Gesellschaft aufwachsen in der weiß sein als Norm gilt, meistens nicht automatisch. Wenn nun auch viele junge weiße Menschen das erste Mal auf eine Demo gehen und auf ihren Insta-Kanälen über Rassismus sprechen, dann ist das ein guter Anfang. Noch wichtiger ist, dass viele junge BIPoCs am letzten Wochenende auf die Straße gegangen sind und Demonstrationen organisiert haben, bei denen sie ihre Wut und Trauer über eine rassistische Gesellschaft selbst artikulieren konnten und nicht nur über sie gesprochen wurde. Umso unerträglicher ist das Verhalten der Polizist*innen auf diesen Demonstrationen. Jugendliche People of Color, die zum Teil zum ersten Mal auf einer Demonstration waren, wurden in Hamburg von Polizist*innen stundenlang grundlos festgehalten, mussten lange Zeit gegen eine Wand gelehnt stehen, durften ihre Eltern nicht kontaktieren und wurden nach ihrer Verhaftung mitten in der Nacht freigelassen. Auf einer Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt[3].

Meine Tochter reagiert sonst eher abweisend auf diesen Politik-und-Feminismus-Kram mit dem ich ihr immer komme. Naja, sie ist halt ein Teenager und es ist ihr Job alles blöd zu finden, was ich gut finde, das ist okay. Nun hat sie das erste Mal gesagt, sie fände das wichtig und würde eigentlich auch gerne auf so eine Demo gehen. Das hat mich nicht nur berührt, weil ein Teil in mir dachte „Ja! Irgendwas ist vielleicht doch hängengeblieben von meinem Politik-Feminismus-Gelabber.“, sondern noch aus einem anderen Grund. Meiner Tochter ist sehr wohl schon vorher mal aufgefallen, dass es Rassismus gibt. Weil sie ihn selbst erlebt hat. Als sie kleiner war, gab es häufiger mal die Aussage, „Ach das ist ja ein süßes Kind, mit ihren Löckchen und den braunen Augen. Aber, sag mal, ganz deutsch ist sie nicht oder?“ Als ob das ein Widerspruch wäre. Und was zur Hölle soll bitte „ganz deutsch“ heißen? Als sie in die 5. Klasse kam, hat sie überall erzählt, dass ein Teil unserer Familie aus Frankreich käme, wenn Mitschüler*innen sie auf ihr „nicht-ganz-deutsches“ Aussehen angesprochen haben. Das tut sie bis heute. Sie hat intuitiv verstanden, dass es in dieser Gesellschaft „okay“ ist, wenn die Familie aus einem West-Europäischen Land kommt, wenn du oder ein Elternteil Schwarz bist oder aus einem Land wie Syrien oder Afghanistan kommen, die Gefahr des Ausgestoßen und Angefeindet-Werdens groß ist. Als sie mir davon erzählt hat, war ich tief bestürzt und wütend, wollte am liebsten mit ihrer Lehrerin darüber sprechen. Darauf sagte sie: “ Mama, auf keinen Fall! Du kennst meine Klasse nicht, weißt du was die mit mir machen, wenn die rausfinden das Papa aus Afghanistan kommt?“ Es tut mir so weh und ist nur schwer zu ertragen, dass sie schon so früh für sich entschieden hat, diesen Teil ihres Lebens unsichtbar zu machen. Aus Angst vor Rassismus. Ich habe mich dann schweren Herzens entschieden, ihren Wunsch zu respektieren. Auch wenn es mich unglaublich wütend und verzweifelt macht, ich weiß nicht, wie es sich anfühlt persönlich von Rassismus betroffen zu sein. Weil ich weiß bin. Ich habe andere Formen von Diskriminierung erlebt, aber diese Erfahrung teile ich nicht. Sie geht jeden Tag in diese Schule. Und wenn sie sich gerade für diesen Umgang entscheidet, muss ich das respektieren.

Ich versuche ihr ein guter Mutter-Ally zu sein. Ich stärke ihr den Rücken, höre ihr zu, mische regelmäßig die Elternabende auf und versuche über Rassismus in der Klasse zu sprechen unabhängig von ihr und widerspreche vehement Menschen, die sagen „Das Boot sei voll“. Ich versuche mich selbst zu informieren, über Kolonialismus und Alltagsrassismus. Trotzdem werde ich es nicht verhindern können, dass es Momente gibt, in denen auch ich mich rassistisch verhalte, auch wenn ich es nicht möchte. Weil es so unglaublich tief sitzt und die Sozialisation über Jahrhunderte gewirkt hat. Es strengt an, sich immer wieder zu reflektieren. Aber was ist meine Reflektions-Anstrengung gegen die Angst meiner Tochter und anderen BIPoCs davor Rassismus in all seinen verletzenden Formen selbst zu erleben? Rassismus verletzt, spaltet und tötet. Ich wünsche mir, dass meine Tochter keine Angst haben muss. Ich wünsche mir eine gewaltige Revolution von Schwarzen Menschen und People of Colour, dass ihre Stimmen weiter laut sind und gehört werden. Und das weiße Menschen ihnen den Rücken stärken, sich selbst reflektieren, ihre Privilegien den Trumps und Höckes vor die Füße werfen und sich weigern diese Form der White-Supremacy weiter zu leben. Die Erkenntnis weiß zu sein, ist hierfür der erste Schritt.


[1] Die Begriffe Schwarze und weiße Personen werden in diesem Text bewusst groß, bzw. klein und kursiv geschrieben. Gemeint ist hier nicht die Farbe der Haut oder biologische Eigenschaften sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten und hieraus folgende Diskriminierungen von Schwarzen Menschen und Privilegien weißer Menschen. Entnommen ist diese Erklärung der Seite: https://www.derbraunemob.de/faq/

[2] PoC meint Person of Color, BIPoC – Black, Indigenous an People of Color – People of Color ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrungen, die nicht als weiß oder westlich wahrgenommen werden und sich selbst auch nicht so definieren. Siehe: https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/people-of-color-poc/

[3] https://taz.de/Antirassimus-Demo-in-Hamburg/!5687842/

Still inside Rape-Culture

Inhaltswarnung: In diesem Text wird das Thema sexualisierte Gewalt behandelt. Es gibt keine explizite Beschreibung der Taten, aber auch die Thematisierung kann bei Betroffenen Trigger auslösen. Es liegt nicht bei mir darüber zu entscheiden ob dies der Fall ist, ich möchte nur auf den thematischen Inhalt hinweisen, um betroffenen Personen die Möglichkeit der Entscheidung zu geben, bevor sie sich in den Text eingelesen haben.

Die Kritik der „Herrentags“-Rituale in meinem letzten Artikel, soll nicht den Eindruck erwecken, als wäre an den anderen 364 Tagen alles in bester Ordnung und es gäbe keine Übergriffigkeiten, keinen Sexismus und sexualisierte Gewalt. Im Gegenteil.

Wir leben in einer Gesellschaft, die nach wie vor von stereotypen Rollenbildern geprägt ist, in der „Männlichkeit“ gefeiert wird und Frauen und Queers lernen, besser mit dem Schlüssel in der Faust die dunkle Straße entlang zu gehen. Eine Kultur in der die Angst vor Gewalt und sexualisierten Übergriffen, für Frauen und queere Menschen so zur Norm geworden ist, dass es eben zum Alltag gehört. Das Männlichkeit eben bedrohlich ist, ob nun nachts auf der Straße, in einem Club, in Beziehungen, im Arbeitsverhältnis oder innerhalb von Familien. In all diesen Situationen wird häufig nicht die Täterschaft hinterfragt, sondern wie sich Betroffene davor schützen können. Indem sie Vorsorgemaßnahmen treffen, ein Pfefferspray in der Tasche haben, immer aufmerksam sind, nie ihr Getränk aus den Augen lassen, sich nicht zu sexy kleiden und nie allein Nachhause gehen.

Dies ist in vielerlei Hinsicht höchst problematisch. Erstens ist die Annahme, dass sexualisierte Gewalt durch diese vermeintlichen „Vorsichtsmaßnahmen“ zu verhindern sei, falsch. Sexualisierte Gewalt hat nichts mit sexueller Anziehung zu tun und auch nichts damit wie eine Person gekleidet ist. Es handelt sich um eine besonders demütigende Form von Gewalt. Punkt. Zweitens wird in dieser Form des Umgangs die Verantwortung der „Prävention“ auch wenn sie noch so gut gemeint ist, den Betroffenen zugeschoben. Drittens liegt der Fokus häufig auf Übergriffen in der Öffentlichkeit, also dem „Bösen-Fremden-im-Park“ obwohl die häufigsten Übergriffe von nahestehenden Personen verübt werden. Wenn über (potentielle) sexualisierte Gewalt gesprochen wird, kommt es also zu einer Abspaltung der Täter von der übrigen Gesellschaft. Entweder werden diese als Fremde dargestellt bzw. „identifiziert“ oder als irgendwie böse, krank und ab-artig. Hierdurch entsteht das Gefühl, dass es sich um Phänomene außerhalb der normalen Gesellschaft handelt und nicht als Teil einer Norm, die diese Form der Gewalt begünstigt. Nach der Kölner Silvester Nacht wurde das Bild eines „bösen Fremden“ gezeichnet, der deutsche, weiße Frauen überfallt. Rechte Gruppierungen haben diese Ereignisse instrumentalisiert und sie als Aufhänger für Rassismus und Hass gegenüber Geflüchteten genutzt. Aber auch etablierte Medien haben bspw. Bilder abgedruckt, auf denen schwarze Handabdrücke auf dem Körper einer weißen Frau zu sehen sind[1].

Es gibt also einerseits die Vorstellung, dass die Täter sich außerhalb der Gesellschaftlichen Norm befinden, andererseits wachsen wir mit einer Normalität von Bedrohung auf und Mädchen wird schon früh eingeschärft, wie sie sich (vermeintlich) gegen diese Bedrohung schützen können. Bei dieser verinnerlichten Normalität der Angst, ist das jährliche Zelebrieren von grölender Männlichkeit am sogenannten Herrentag also nur die Spitze des Eisbergs. Wenn einige (Cis-)Männer wirklich das Gefühl haben, an allen anderen Tagen ihre „Männlichkeit“ unterdrücken zu müssen und diese Form der Normalität das Ergebnis ist, dann ist das Ausmaß erschreckender als gedacht.

Oliver Pocher hat in den letzten Wochen ein hervorragendes Beispiel für eine besonders zerstörerische Form von männlichem Frauenhass dargeboten, indem er zwei Influenzer*innen mit voller Absicht öffentlich gedemütigt und angefeindet hat und seine frauenfeindliche Fan-base dies dankbar aufgegriffen und die Betroffenen mit Hass überschüttet hat[2]. Als Belohnung bekommt er nun wieder eine eigene Sendung auf RTL. Willkommen in der deutschen rape-culture[3]!

Joko und Klaas haben ihre erspielte Sendezeit auf ProSieben für ein viertelstündiges Video über Hass- und Gewalt gegen Frauen zur Verfügung gestellt. Davon abgesehen, dass es einige (absolut berechtigte) Kritikpunkte an diesem Video (und an Joko und Klaas vorherigem selbst ausgeübtem Sexismus)[4] gab, ist es erst einmal erfreulich, dass dieses Thema auf einem Sender mit einer großen Reichweite ausgestrahlt wurde. Es ist wichtig, dass Diskurse über Sexismus und sexualisierte Gewalt auch außerhalb von linken, feministischen und wissenschaftlichen Kreisen angeregt und eröffnet werden. Nur, dass werden sie bereits. Unzählige Frauenorganisationen, queere Aktivist*innen, feministische Journalist*innen und etliche Einzelpersonen setzen sich seit Jahren und Jahrzehnten dafür ein, Gewalt und Übergriffe gegen Frauen und queere Menschen zu thematisieren und zu bekämpfen. Der Unterschied ist nur, dass diese in den meisten Fällen mit Hate-Kommentaren und Bedrohungen rechnen müssen, während Joko und Klaas von der Mehrheit der Zuschauer*innen mit Lob und Anerkennung überschüttet wurden. Das hinterlässt mindestens einen unangenehmen Beigeschmack.

Ein weiterer Punkt ist, dass auch in diesem Video, der Fokus erneut auf den Betroffenen lag. Es wurde über weibliche Opfer und männliche Täter gesprochen. Worüber aber nicht gesprochen wurde, ist eine Kultur voller Rollenbildern und Männlichkeitsidealen, die diese Form der Vergewaltigungskultur begünstigt und hervorbringt. Die #MeToo Bewegung hat uns gezeigt, dass unsere Freundeslisten voll von Überlebenden sexualisierter Gewalt sind. Davon haben sich, wie auch bei dem Beitrag von Joko und Klaas viele Männer betroffen gezeigt. Nun bedeutet dies im Umkehrschluss aber auch, dass es in den Freundeslisten und Kreisen dieser Männer ebenso viele Täter gibt. Wie wäre es, wenn Joko und Klaas ihre nächste Sendezeit nutzen würden, um darüber zu sprechen? Sich kritisch mit „Männlichkeit“ bzw. mit all den toxischen, gewaltvollen Attributen dieser Männlichkeit auseinandersetzen würden? Mit der Tatsache, dass Vorstellungen von gewalttätiger Männlichkeit, einem männlichen Recht auf Sex, Täter-Opfer-Umkehr-Vorstellungen wie die das „Frauen wenn sie Nein sagen eigentlich Ja meinen“, tief in unserer Gesellschaft und in Geschlechter-Rollenbildern verwurzelt sind. Wenn Kinder mit Vorbildern von kleinen, hilflosen, hübschen Prinzessinnen und Jungen mit wütenden schwertschwingenden Rittern aufwachsen. Wenn Mädchen die Angst vor bösen Männern eingeschärft wird und wie sie sich (vermeintlich) vor diesen schützen sollen, Jungen aber gleichzeitig beigebracht wird sich auch mit Gewalt zu nehmen, was sie begehren, schafft das eine Grundlage für die Verfestigung einer rape-culture. Eine Kultur in denen Frauen und Queers die Verantwortung dafür tragen ob sie Opfer von sexualisierter Gewalt werden, während Männer „halt so sind“. Es wird keine Verbindung zwischen diesem Bild von Männlichkeit und sexualisierter Gewalt gesehen. Stattdessen wird diese als etwas von außen Kommendes konstruiert. Die Vorstellung von Heteronormativität, also das es nur zwei Geschlechter gibt, die sich ausschließlich voneinander angezogen fühlen, verstärkt diese stark entgegengesetzte Rollenvorstellung zusätzlich, bzw. ist eng mit dieser verwoben.

Die Thematisierung von sexualisierter Gewalt ist wichtig, sie schafft Sichtbarkeit für Betroffene. Die erschreckende Vielzahl der #MeToo Posts führte zu weltweiten Diskursen in Medien, Politik und Freundeskreisen über sexualisierte Gewalt. Auch das Video in der erspielten Sendezeit von Joko und Klaas hat eine Debatte angeregt. Eine Thematisierung, ohne die tief verwurzelten Vorstellungen von Männlichkeit zu hinterfragen, ist aber nicht zielführend. Es verschiebt die Verantwortung in Richtung der Betroffenen und konstruiert die Täter als gesellschaftliche Abweichler und nicht als Teil einer Vergewaltigungs-Kultur[5] die sich in beinahe allen Bereichen unserer historisch und sozial gewachsenen Vorstellungen von Geschlecht zeigt. Also, Joko und Klaas, nächstes Thema: Kritische Männlichkeit. Bei Oliver Pocher und seiner Belohnungs-Show habe ich wenig Hoffnung, hier hilft wahrscheinlich nur Protest und Abstrafung nach kapitalistischer Logik: Nicht einschalten.


[1] Die Süddeutsche Zeitung entschuldigte sich im Nachgang für diese Darstellung: https://www.sueddeutsche.de/kolumne/in-eigener-sache-entschuldigung-1.2812327

[2] https://www.zeit.de/kultur/film/2020-05/oliver-pocher-instagram-influencerinnen-sexismus

[3] Zu der nicht erst seit der Silvesternacht in Köln bestehenden rape-culture in Deutschland: https://www.vice.com/de/article/xdk9dw/die-rape-culture-wurde-nicht-nach-deutschland-importiert-sie-war-schon-immer-da-aufschrei-118

[4] https://www.sueddeutsche.de/medien/joko-klaas-in-der-kritik-sorry-fuer-den-busengrapscher-1.1496387?fbclid=IwAR2IwP9Ki2RiTwIs5CrZtO1kKM-5a_mJkDE0dy-O71wtYmD-1TzK-UT7C7U

[5] Hierzu: Mithu M. Sanyal analysiert in ihrem Buch „Vergewaltigung“ verschiedene Diskurse, Fälle und Ereignisse zu diesem Thema und zeichnet die historische und rechtliche Entwicklung von der „ehrbaren“ Lucretia bis zur Sexualstrafrechtsreform und der Silvesternacht 2015/2016 in Köln nach. Ein absolut großartiges Buch von einer beeindruckenden Autorin und Journalistin. https://edition-nautilus.de/programm/vergewaltigung/

Mit dem Bollerwagen auf dem Weg zum Backlash

Ich bin wütend. Draußen scheint die Sonne und ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe an zwei Konzeptpapieren, weil ich die Abgabe dringend schaffen muss. Ich bin müde und mein Rücken tut mir weh, weil ich gestern Abend bis 22.30 noch die Spülmaschine eingeräumt und die Küche geputzt habe. Ich bin wütend, weil für mich heute kein freier „Kumpel-Sauf-Tag“ ist. Weil es seit der Corona Pandemie kaum noch freie Tage für mich gibt.

Heute ist sogenannter Vater- bzw. Herrentag. Dieser wunderbare eine Tag im Jahr, wo Männer noch so richtige „Männer“ sein dürfen. Wo Gruppen von (Cis-)Typen grölend mit Bollerwagen voller Bier und lauter Mucke durch die Straßen ziehen, in Beete kotzen, Frauen und Queers angepöbelt, sexistisch beleidigt und belästigt werden. Der Tag an dem sich viele meiner Freund*innen lieber Zuhause verkriechen und besonders in den Abendstunden die Sauf-Hotspots meiden. Also eigentlich jede Form von Öffentlichkeit.

Ja, es gelten nach wie vor Restriktionen aufgrund der COVID-19 Pandemie und das könnte ein bisschen Hoffnung geben, dass die Eskalationen dieses Jahr nicht ganz so extrem sind. Wenigstens ein kleiner positiver Nebeneffekt. Apropos Nebeneffekt. Durch die Corona-Krise haben sich ganz neue Dimensionen von Care-Arbeit aufgetan, Kinder müssen nun Zuhause beschult, bekocht und seelisch versorgt werden. Ihnen fehlen ihre Freund*innen, es entstehen Ängste und Langeweile, Sport und Freizeitbeschäftigungen sind plötzlich weggefallen. Die Haushalts-Arbeit hat sich deutlich erhöht, da immer Alle Zuhause sind. Und „nebenbei“ müssen viele Menschen noch ihrer Lohnarbeit nachgehen. Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass es überwiegend Frauen sind, die diese zusätzliche Fürsorgearbeit übernehmen, Alleinerziehende sind dementsprechend besonders belastet. Aber auch in heterosexuellen Paarbeziehungen zeichnet sich ein Prozess der Re-Traditionalisierung seit der Corona-Krise ab. Frauen haben beispielsweise deutlich häufiger als Männer ihre Arbeitszeit reduziert, um sich während der Schul- und Kitaschließungen um die Kinder kümmern zu können. Da es höchstwahrscheinlich längerfristige wirtschaftliche Auswirkungen durch die Corona-Pandemie geben wird, ist nicht klar ob sich die Arbeitszeiten anschließend wieder erhöhen lassen, was die Einkommensungleichheit zwischen Frauen und Männern verstärken würde.

Vor diesem Hintergrund: Was für eine bittere Ironie, dass trotz dieser immensen Mehrfachbelastung von Müttern, heute der Bollerwagen-Sauf-Vatertag gefeiert wird?

Nun könnte man sagen, ach was, das ist doch nicht sexistisch, lass doch den Männern ihren Spaß und überhaupt es gibt ja auch einen Muttertag. Korrekt. Nur das die Mutter an diesem Tag ein paar Blumen und Schokolade bekommt und der Tag traditionell im Privaten stattfindet. Der Muttertag wird zuhause mit den Kindern verbracht und die Mutter bekommt im Besten Fall ein Frühstück ans Bett, im schlechtesten Fall darf sie danach die Küche aufräumen. Ein märchenhaftes Abbild stereotyper Geschlechterrollen.

Wenn man unsicher ist, ob eine Situation oder Handlung sexistisch ist, hilft es diese einfach mal umzudrehen. Wirkt dieselbe Situation absurd, lächerlich oder undenkbar, ist dies ein starker Sexismus-Indikator. Ein veranschaulichendes Beispiel hierfür ist der Kurzfilm Majorité Oppremée von Eleonore Pourriat. Dieser Umkehrtest ist übrigens auch auf alle anderen Diskriminierungsformen wie bspw. Rassismus, Homo- oder Trans*feindlichkeit anzuwenden.

Machen wir also ein kleines Gedankenexperiment. Stellt euch vor es ist Muttertag und überall begegnen euch betrunkene Frauen, die mit schlackernden nackten Brüsten laut grölend durch die Straßen ziehen. Sie haben Bollerwagen voller Bier und Grillfleisch dabei und aus einer Box dröhnen Songs, in denen es darum geht, Männer zu erniedrigen und un-einvernehmlichen Sex mit ihnen zu haben.  Die Sonne scheint und alle haben Spaß. Während die eine in ein Blumenbeet kotzt, rufen die anderen einem vorbeigehenden Mann in kurzen Hosen „geiler Arsch!“ hinterher und als er nicht reagiert, wird er von ihnen beleidigt und als prüde bezeichnet. Am Abend treffen sich einige Frauengruppen im Stadtpark, wo es durch einen beträchtlichen Alkoholpegel und einige Sonnenstiche zu einer Massenschlägerei kommt. Während die Frauen sich den ganzen Tag volllaufen lassen und die Innenstädte unsicher machen, kümmern sich die Väter Zuhause um die Kinder, kochen, putzen die Wohnung und dürfen zur Belohnung am späten Abend ihre alkoholisierten, stinkenden Frauen in Empfang nehmen. Irgendwie unrealistisch?

Vor Corona war bestimmt nicht alles rosig. Aber es darf nicht sein, dass wir nun einen gewaltigen Backlash erleben und sich Ungleichheiten noch mehr verstärken. Es ist gerade besonders schwierig, die Zeit zu finden sich mit dieser Ungleichheit auseinanderzusetzen. Wer sowieso schon müde und erschöpft ist, hat kaum die Kraft und die Zeit sich zu organisieren. Die Isolation und der fehlende Austausch tut sein Übriges. Ich habe diesen Text letzte Nacht fertig geschrieben, weil mir vorher einfach die Zeit fehlte. Aber die Wut über diese Ungerechtigkeiten hat mich wachgehalten. Ich wünsche mir, dass viele wütende Frauen, Queers und Mütter mit virtuellen Bollerwagen durch das Internet ziehen, sich vernetzen, bestärken und sich weigern diese Rollenbilder zu akzeptieren.

Happy Mothers-Day! Von gefallenen Mädchen und idealisierter Mutterschaft.

Heute ist Muttertag. Der eine Tag im Jahr, an dem Mutterschaft so etwas wie Ehre erhält. Vermeintlich. Denn die Form von gesellschaftlich erwünschter Mutterschaft folgt klar umrissenen Normen und daran hat sich seit den 50er Jahren auch nur grob etwas geändert. Geändert hat sich, dass heute mehr Frauen einer Lohnarbeit nachgehen. Trotzdem ist sowohl der Gender Pay Gap, als auch der Gender Care Gap immer noch erschreckend hoch[1]. Besonders wenn es um Elternschaft geht, gibt es weitreichende Gesellschaftliche Ungleichheiten bezüglich des Geschlechts. Wenn ich einen Blick auf die Muttertags-Werbeanzeigen werfe, wird mehrheitlich ein bestimmtes und somit ehrbares Bild von Mutterschaft vermittelt. Es handelt sich um schlanke, weiße, in einer heterosexuellen Beziehung lebende Cis-Frauen[2] ohne Einschränkungen. Klar, wieso sollte Werbung nicht auch am Muttertag in die übliche Wirksamkeits-Kiste greifen.

Diese Darstellung konstruiert und spiegelt gleichzeitig ein bestimmtes Bild von ehrbarer Mutterschaft, das in westlichen Gesellschaften herumgeistert. Das ideale Bild sieht folgendermaßen aus:

Eine Frau bekommt zwischen 28-35 Jahren ihr erstes Kind. Nicht zu früh, sonst ist sie eine wahrscheinlich unfreiwillig schwanger gewordene Teenie-Mutter (obwohl unfreiwillig auch gleichzeitig unreif und faul heißt, hätte sie halt nicht vergessen die Pille zu nehmen), die für immer arm und irgendwie ausgestoßen sein wird. Aber auch nicht zu alt, das ist ja schon komisch, wenn die Mutter in der Kita für die Oma gehalten wird. Sie hat ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen, einige Jahre gearbeitet, einen Mann kennengelernt und diesen geheiratet. Beide haben einen Bausparvertrag abgeschlossen und sich nun ein Reihenhaus gekauft. Nun kommt zur Vollendung dieses Bildes das erste und vielleicht das zweite Kind. Die Mutter nimmt Elternzeit (der Vater auch, so für 4 Wochen, ist ja schon irgendwie süß von ihm) und danach arbeitet sie in Teilzeit, während die Kinder in der Kita sind. Sie hat keine Mittagspause, weil sie in der Zeit die Kinder von der Kita abholt, kocht, putzt, wäscht und die Kinder zum Schwimmen und Geige spielen fährt. Sport macht sie auch, der Körper sollte schon wieder gut aussehen nach der Geburt. Da sie ja „nur“ in Teilzeit arbeitet, bleibt die Care-Arbeit ihr Aufgabenbereich. Feierabend? Eher nicht. Und dann bekommt sie einmal im Jahr einen Blumenstrauß und Schokolade, weil sie sich so toll an die Regeln gehalten hat. Na vielen Dank.

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Ausnahmen gibt. Das es auch in heterosexuellen Beziehungen Väter gibt, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmern, die Schwierigkeiten damit haben in Elternzeit zu gehen, weil ihr Chef das irgendwie komisch und unpassend findet und denen auf dem Spielplatz abgesprochen wird, ihr Kind richtig wickeln zu können. Genauso möchte ich damit nicht sagen, dass es nicht viele unterschiedliche Familienkonstellationen gibt. Es gibt Trans*männer die Kinder gebären, Queere Familien, Freund*innen die zu zweit oder mit mehreren Menschen Kinder großziehen, Schwule und Lesbische Paare mit Kindern, Alleinerziehende Menschen, junge und alte Eltern-Personen.

Ich spreche von idealisierten Darstellungen und Normen, die sich hartnäckig halten und zusätzlich noch von vielen Zeitschriften, in der Werbung, in Serien und Filmen transportiert werden. Und das alle Menschen, die Kinder alleine oder gemeinsam großziehen und nicht diesen Normen entsprechen einem täglichen Kampf um Anerkennung oder Abstrafung ausgesetzt sind.

Einige Bilder halten sich trotz vermeintlichem Fortschritt und sexueller Befreiung, einer weiblichen Kanzlerin und ein paar mehr Frauen in Chefetagen hartnäckig. Sowie das Bild des „gefallenen Mädchens“.  

Der Sexualunterricht in den Schulen konzentriert sich nach wie vor darauf jungen Mädchen die Gefahr einer jungen Mutterschaft vor Augen zu führen, das Bild eines „gefallenen Mädchens“ als größte Abschreckung darzustellen. Gleichzeitig wird versäumt über sexuelle Selbstbestimmung, Lust und Selbstbefriedigung aufzuklären. Fernseh-Formate wie „Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen“, verfestigen seit etlichen Jahren das Bild von verarmten, unfähigen, verantwortungslosen jungen Müttern. Väter spielen dort nur am Rand eine Rolle, der Fokus der „Schuld“ liegt auf den Mädchen bzw. jungen Frauen.

Ich bin mit 19 Jahren Mutter geworden und jahrelang versucht diesem „bösen“ Klischee nicht zu entsprechen. Ich hatte immer das Gefühl, mich besonders beweisen zu müssen, dass ich „trotz“ meines Alters und meines Alleinerziehenden-Daseins, eine liebevolle Mutter sein kann. Ich bekam regelmäßig den Satz zu hören „Was? Da bist du aber jung Mutter geworden. Irgendwie krass wie du das geschafft hast. Für mich wäre das ja nix.“ Ich habe viele Jahre mit dem Versuch verbracht mich anzupassen und akzeptiert zu werden. Ich habe Blümchen-Blusen getragen, bin nicht müde geworden zu erklären, dass ich ja trotzdem eine Ausbildung gemacht habe, arbeite, meine Tochter reitet und Ballett tanzt, zur musikalischen Früherziehung geht und gesund ernährt wird. Als ich 24 Jahre alt war, sagte mir eine Kollegin die nur 3 Jahre älter war, „Du bist doch selbst noch ein Kind.“ Auf dem Spielplatz musste ich regelmäßig meine Lebensgeschichte erzählen und Dinge hören wie „Sag mal hast du denn nicht verhütet? Das war doch bestimmt nicht gewollt!“ Und da der Vater meiner Tochter nicht weiß ist, kamen noch Aussagen hinzu wie: „Süßes Kind, aber ganz deutsch ist die doch nicht oder?“. Diese Aussagen haben mich verletzt und beschämt. Und das war auch gewollt, denn es ist einfach sich selbst aufzuwerten indem man andere Menschen abwertet. Es hat dazu geführt das ich nach noch mehr Perfektion gestrebt habe, in der Erziehung meiner Tochter, meinem Job und dem Bild das ich versucht habe nach außen zu vermitteln. Vor lauter Anpassungsbemühen bin ich sehr krank geworden.

Irgendwann kam mir die Erkenntnis: Egal wie sehr ich es versuche, wie viele Einser-Abschlüsse oder Blümchen-Blusen ich habe, ich werde nie dazugehören. Einerseits eine ernüchternde Erkenntnis, andererseits auch das Erwachen ungeahnter Freiheit. Also habe ich aufgehört Blümchen-Blusen zu tragen und sie gegen schwarze T-Shirts getauscht, bin mit meiner Tochter in eine andere Stadt gezogen, habe meine Jobs gekündigt, ein Studium begonnen und mich mit Feminismus beschäftigt. Inzwischen leben wir in einer Familien-WG, feiern Weihnachten mit Partner*innen und Wahl-Familienmitgliedern und ohne Blümchen-Blusen. Heute bin ich wütend über einengende Normen, die Menschen in Schubladen stecken und erniedrigen. Über Bilder von Mutterschaft, die Ungleichheit produzieren und Abweichungen abstrafen.

Ich habe nichts gegen einen Mutter-Tag. Blumen und Schokolade zu verschenken ist erst einmal nichts Schlechtes. Solange aber Mutterschaft in unserer Gesellschaft nach wie vor mit einer so ausgeprägten Ungleichheit und hartnäckigen Rollenbildern behaftet ist, würde ich die Schokolade lieber gegen eine Revolution eintauschen.


[1] Vgl. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap

[2] Cis bedeutet, dass die Geschlechtsidentität einer Person dem Geschlecht entspricht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.

Das Private ist politisch! Warum Feminismus systemrelevant ist.

Der feministische Slogan „Das Private ist politisch!“ ist nach wie vor aktuell. Die Corona-Krise zeigt dies in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite gibt es stärkere Eingriffe des Staates in private Bereiche und eine massive Einschränkung der Grundrechte. Seit einigen Wochen dürfen sich Personen nur noch zu zweit in der Öffentlichkeit aufhalten, bzw. mit Menschen, die im eigenen Haushalt leben. Dies führt dazu das von der Norm abweichende Familien- und Lebensmodelle noch stärker hinterfragt und diskriminiert werden. Demonstrationen werden durch die Aufhebung der Versammlungsfreiheit mit Begründung des Seuchenschutzes fast vollständig unterbunden. Die Möglichkeit auf prekäre Lebensverhältnisse und Ungleichheit aufmerksam zu machen, ist damit deutlich erschwert.

Auf der anderen Seite gibt es durch die Corona-Maßnahmen einen starken Rückzug in „Private“. Doch so flauschig wie Merkel es beschreibt, das Familien gemeinsam Zeit verbringen und Podcasts für ihre Großeltern aufnehmen, ist es bei weitem nicht für alle Menschen. In erster Linie wird hier das Bild einer Klein- und Kernfamilie vermittelt, die ausreichend Platz und Geld für Vorräte hat, gemeinsam in einem Haushalt lebt und im Besten Fall noch über eine große Wohnung oder ein Haus mit Garten verfügt. Da kann man es sich ja mal eine Weile gemütlich machen. Hiervon abweichende Familien Konstrukte oder Menschen die in prekären Lebensumgebungen leben, werden hier einfach ausgeblendet. Der verordnete Rückzug ins Private bedeutet auch, dass Menschen die von häuslicher Gewalt und Missbrauch betroffen sind, diesem noch isolierter ausgeliefert sind als vorher. Vergangene Woche gab es einen Anstieg von 17,5 % der Anrufe beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“[1].

Ein weiterer Punkt ist die bezahlte und unbezahlte Fürsorge-Arbeit, die sich seit der Corona-Krise deutlich erhöht hat. Care-Arbeitende in Altenheimen und Krankenhäusern werden zurzeit besonders gefordert und gebraucht. Zumindest gibt es hierfür gerade ein bisschen mediale Aufmerksamkeit, wenn diese aber nicht anhält und sich schlechte Bezahlung und erschöpfende Arbeitsbedingungen nicht ändern, ist damit auch niemandem geholfen. Personen die Kinder haben, sind ebenfalls besonders belastet. Da alle Schulen und Kitas geschlossen sind, müssen die Kinder zuhause betreut, versorgt, beschult und bespaßt werden. Häufig zusätzlich zur Lohnarbeit. Der Gender-Care Gap betrug im letzten Jahr 52,4 %[2], das bedeutet Frauen[3] wenden im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Zeit auf um sich um Kinderbetreuung, Hausarbeit und die Pflege von Angehörigen zu kümmern. Durch die Schließung von Schulen und Kitas, wird sich dieser nun sicherlich um weitere Prozentpunkte erhöhen.

Die meisten feministischen Bewegungen, versuchten der Vereinzelung von Frauen und Queers entgegenzuwirken. Demos zu veranstalten, laut und wütend auf diese Missstände aufmerksam zu machen, ist zurzeit nicht möglich, obwohl wir es gerade jetzt so dringend bräuchten. Es gibt keine Orte, an denen wir uns treffen können, uns austauschen, trösten und Kraft zusprechen. Es gibt keine FLINT[4] Räume, in denen wir uns ausprobieren und trauen können, gemeinsam lachen und wütend sein. Es gibt keine LaDIYfeste bei denen wir uns gegenseitig etwas beibringen können und keine Take-Back-The-Night und Walpurgisnacht Demos gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus.

Es ist so wichtig, dass diese Kämpfe und Themen nicht untergehen. Auch wenn die „WerteUnion“[5] das anders sieht, Feminismus und Gender Studies sind genauso systemrelevant wie Medizin, Chemie und Biologie. (Queer-)feministische Inititativen geben Menschen eine Stimme, sie bieten Hilfe, Unterstützung und Empowerment für Frauen und Queers die Gewalt und Diskriminierungen erlebt haben. Sie schaffen Räume in denen Menschen mutig sein können und sich gegenseitig bestärken.

Sie kämpfen für eine Gesellschaft, in der Menschen frei von Rollenbildern leben können. In der es nicht nur fürsorgliche Prinzessinnen und starke, gewalttätige Ritter gibt. In der im besten Fall das Geschlecht keine Rolle mehr spielt oder eine Vielfalt von Geschlechtern die Norm ist. Gesellschaftliche Veränderungen für mehr Gleichberechtigung, gegen sexualisierte Gewalt und den Abbau von Diskriminierungen brauchen Räume und Initiativen, in denen wir uns zusammenschließen und an neuen Gesellschaftsentwürfen basteln können.

Wir dürfen uns nicht vereinzeln lassen. Lasst uns Wege finden, um füreinander da zu sein, auf sexistische Scheisse und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Und einen besonderen Blick auf diejenigen zu haben, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind. Die noch stärker isoliert sind, weil sie zur Risikogruppe gehören, von Gewalt betroffen sind, kein Zuhause haben, in Geflüchteten Unterkünften leben, jetzt noch mehr Care-Arbeit leisten oder unter psychischen Erkrankungen leiden.

Feminismus ist systemrelevant. Besonders in Zeiten in denen das System kränkelt.


[1] https://www1.wdr.de/nachrichten/themen/coronavirus/haeusliche-gewalt-hilfetelefon-100.html

[2] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294

[3] Leider werden bei statistischen Erhebungen nach wie vor hauptsächlich die binären Kategorien „Mann“ und „Frau“ abgefragt, dass heißt Personen die sich diesen Kategorien nicht zuordnen, kommen hier nicht vor. Hier braucht es unbedingt ein Umdenken in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen.

[4] FrauenLesbenInterNon-BinaryTrans

[5] https://twitter.com/werteunion/status/1243624037475135488

Selbsternannte Moral-Sheriffs und besorgte Bürger*innen

Seitdem es die ersten Fälle von COVID-19 in Deutschland gab, ist das Bedürfnis nach Sicherheit und staatlichen Restriktionen zur Regelung der Situation groß. Eine Forsa Umfrage vom 30. März 2020 ergab, dass 88 % der Befragten mit den Ausgangsbeschränkungen einverstanden sind, mehr als die Hälfte der befragten Personen wünschten sich schärfere Beschränkungen. Und gleichzeitig lässt sich ein weiteres Phänomen beobachten. Das bundesweite Aufploppen der selbsternannten Moral-Sheriffs.

Sobald es einen Post zum Thema Klopapier, Ausgangssperren oder über den Tag einer Supermarkt-Verkäufer*in gibt, sind sie zur Stelle. Sie ergießen sich in den Kommentarspalten darüber, wie außerordentlich korrekt sie sich an die Regeln halten und beschreiben bis ins Detail wie dies von statten geht. Es gibt Zentimeter Angaben über den Abstand den ihre Kinder zu anderen Passant*innen gehalten haben und einen minutiösen Bericht über die Zeit die sie sich an der frischen Luft aufgehalten haben. Genauso intensiv wird sich auch mit dem Verhalten anderer Menschen auseinandergesetzt.

Sie regen sich furchtbar über die ganzen bösen Klopapier-Sünder*innen auf, erheben Ärzt*innen zu „unsere Helden in weiß“, steigern sich in Gewaltfantasien gegenüber verantwortungslosen Gruppen von jungen Menschen die Coronas Partys feiern hinein und suhlen sich in ihren Autoritätsfantasien. Es wird von Polizei-Einsätzen zur Auflösung von Garagen-Feiern berichtet, nachdem besorgte Bürger*innen diese gemeldet hatten. Der wachsame Nachbar bekommt hier wieder Hochkonjunktur.

Vor ein paar Tagen gab es einen KN-Artikel über Polizei-Patrouillen, die „schwerpunktmäßig“ am Kieler Hauptbahnhof, sowie in den Stadtteilen Gaarden und Mettenhof stattfinden sollten. Die implizite Unterstellung, Menschen in diesen Stadtteilen müssten besonders kontrolliert werden ist schon mehr als fragwürdig. In den Kommentaren reihten sich allerdings Forderungen aneinander, wo die Polizei doch auch mal dringend vorbeischauen sollte. Eine Facebook-Nutzerin schrieb: „Bitte auch an den Stränden!“ Sie habe dort beobachtet, wie sich zwei junge Mütter mit ihren Kindern auf dem Parkplatz zum Spazieren gehen getroffen hätten und dort eine Fünf-köpfige Familie über drei Generationen unterwegs war. Keiner der Personen hätte den Mindestabstand zueinander eingehalten.

Eine Freundin meiner Schwester ist mit ihrem Freund schon nach Bekanntwerden von ersten Corona-Fällen in das Ferienhaus von Freunden gefahren, um ihn vor einer Ansteckung zu schützen. Ihr Freund hat eine Immun-Erkrankung und gehört somit zur Risiko-Gruppe. Als die Einreise-Beschränkungen nach Schleswig-Holstein wirksam wurden, bekamen sie den Hinweis von einem Bauern, Einwohner*innen hätten das Ordnungsamt informiert, da vor dem Haus ein Auto mit einem fremden Kennzeichen stünde. Sie sollten doch lieber schnell verschwinden. In einer Nacht-und-Nebel Aktion haben sie dies dann auch getan, da sie Angst hatten eine hohe Strafe zahlen zu müssen.

In einigen Orten in Schleswig-Holstein bekommen Autos mit „ortsfremden“ Kennzeichen Hass-Zettelchen unter die Scheibenwischer gesteckt mit Texten wie „Verlassen Sie den Strand und kehren Sie an Ihren gemeldeten Wohnsitz zurück! Sie sind hier unerwünscht!“ Unabhängig davon, dass dies zum Teil faktischer Quatsch ist, da Menschen inzwischen ihr Kennzeichen behalten können, wenn sie umziehen, dreht sich mir noch aus einem anderen Grund der Magen um, wenn ich solche Zettel lese. Wenn schon Menschen die aus einem anderen Bundesland Hass-Zettelchen zugesteckt werden, diese als die „Anderen“ empfunden werden die in „unserem“ Bundesland nichts zu suchen haben, was passiert dann mit Menschen die als vermeintlich noch „fremder“ wahrgenommen werden?  

Sich selbst als moralisch einwandfrei zu erheben indem man sich von Klopapier-Sündiger*innen abgrenzt, das verwerfliche Verhalten anderer zu dokumentieren und mit hämischen Ausführungen von Autoritäts-Fantasien um sich zu werfen ist eine Möglichkeit mit Angst und Unsicherheit umzugehen. Es gibt aber auch Alternativen um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erlangen und mit Hilflosigkeit umzugehen. Verantwortungsvolles Verhalten gegenüber Risikogruppen, indem man auf Corona-Partys verzichtet, Kontakte einschränkt und dem Drang noch eine Packung Klopapier zu kaufen zu widerstehen. Mitgefühl zu zeigen, gegenüber Menschen die nicht so einfach zuhause bleiben können. Sich für die Aufnahme der Geflüchteten auf den griechischen Inseln einzusetzen. Sich auch nach der Corona-Krise für bessere Arbeitsbedingungen von Pflegepersonal und Verkäufer*innen einzusetzen. Vorschnelle Verurteilungen von Verhaltensweisen zu hinterfragen. Aufmerksam zu sein in Situationen die wirklich scheisse sind. Den Mund aufzumachen, wenn eine Kollegin mal wieder einen sexistischen Spruch abbekommt. Wenn eine Person gefragt wird „wo sie denn wirklich herkommt“. Wenn eine Trans-Frau auf der Straße angepöbelt wird oder beim Familienfest darüber sinniert wird, Deutschland können ja nun wirklich nicht noch mehr Geflüchtete aufnehmen. In solchen Situationen nicht wegzuschauen gibt auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ohne bitteren Beigeschmack. Es kann nachhaltig zu einer offeneren, mitfühlenden Gesellschaft führen. Und es hilft gegen Wut-Magengeschwüre.